Vom Anti-Faschismus zum Anti-Globalismus

Antifa als Alternativprojekt zur Massenbewegung

[entnommen: Bahamas Nr. 41, Frühjahr 2003]


"Masse ist Macht."
Johannes R. Becher, Massen, 1930

Ob sie wohl gestaunt haben, die Genossen von der autonomen Antifa Lüdenscheid, als ihnen zu Ohren kam, daß sie höchst selbst den neuesten Text der NPD Greifswald verfaßt hatten? Die Kameraden hatten sich nämlich nicht damit begnügt, einem dem Lüdenscheider Antiimp-Pamphlet zum Verwechseln ähnlichen Text zu verfassen; nein, wortwörtlich übernahm man das Geschreibe aus Lüdenscheid, setzte für Antifa einfach NPD ein und stellte das Ganze sogleich ins Netz. Aber als sei selbst der NPD der linksradikale Aufruf zu nazi-mäßig – „Den Menschen in der arabischen Welt ist klar, daß die Politik des Westens darauf abzielt, ihr Recht auf Selbstbestimmung noch weiter einzuschränken und sie um den Reichtum ihrer Region zu berauben, der eigentlich ihnen zusteht. Ihr Protest und Widerstand gegen die imperialistische Einmischung ist gerechtfertigt“ (1) –, begnügt man sich in Greifswald inzwischen wieder mit friedensbewegtem Jargon: „Ziel dieses völkerrechtswidrigen Krieges ist keinesfalls die Vernichtung von biologischen, chemischen und nuklearen Massenvernichtungswaffen des Irak, sondern die Errichtung eines weiteren Vasallenstaates der USA im Nahen Osten nach dem Muster der ‚Pax Americana‘, um so der US-amerikanischen Wirtschaft den Zugang zu einem der weltgrößten Erdölvorkommen zu sichern“, heißt es im Aufruf „Keine Unterstützung dem US-Imperialismus. Nein zum Krieg“.

Antifaschismus der Lüdenscheider Machart erscheint den organisierten deutschen Nazis dennoch als durchaus bündnisfähig. So gab der Berufskader Steiner-Wulff auf einer Nazi-Demonstration unter dem Motto „Amis raus – Freiheit rein!“ am 22. Februar ’03 in Hamburg zum Besten, er wisse ganz genau, daß es „zwei Kategorien“ von Antifas gäbe: Zum einen die, die gegen Imperialismus seien, und zum anderen die „Knechte Israels“, die unbelehrbaren „Staatsbüttel“. Zwischen diesen beiden „Kategorien“ von Antifas komme es – das sieht der Nazi realistisch – tatsächlich zu Spaltungen. Was bei anderen Antifa-Gruppen ohne größeres öffentliches Interesse vonstatten geht, wurde anläßlich der Auflösung der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) Mitte Februar lautstärker ausgetragen.

Der AAB-Teil der sogenannten Anderen, der sich mittlerweile Antifaschistische Linke Berlin (ALB) nennt, will weitermachen wie bisher: Den „Antifaschismus als praktischen Ansatzpunkt und Hebel zur Kritik der bürgerlichen Gesellschaft“ benutzen und sich der „denunziatorische(n) Selbstbeschäftigung in einem Teil der Linken“ enthalten. Der Wille zum unbeirrbaren Weiter-So verweist darauf, woran das ganze Projekt Antifa grundsätzlich krankt: am Zwangscharakter als Sammlungsbewegung, dem die völlige Unkenntnis des Un-Wesens des Nationalsozialismus zugrunde liegt.

Auch vom anderen AAB-Spaltprodukt, der Gruppe Kritik & Praxis Berlin (KPB), läßt sich nicht viel besseres vermelden: Unter dem kryptischen Titel „Nie wieder Frieden! Fuck old europe – Fight new world order!“, dessen inhaltliche Aussage man wohl selbst nicht zu begründen vermag, heißt es im 1.Mai-Aufruf ganz im alten ML-Sprech des halluzinierten Klassenantagonismus: „Kapitalistische Verwertung produziert und reproduziert notwendig die Entgegensetzung von Kapital und Arbeit und sie produziert bestimmte Formen des Denkens über Gesellschaft: Daß Gesellschaft eine Ansammlung von privaten, nur gegeneinander zu denkenden Interessen sei.“ Daß bürgerliche Gesellschaft die tatsächliche und nicht bloß „gedachte“ Einheit widerstreitender Interessen all ihrer Mitglieder ist, muß verkennen, wem es um die „Einheitsfront“ zu tun ist. Daß gerade der Nationalsozialismus eine solche Vereinheitlichung anstrebt, indem er das Volk vom Ausbeuter, das Schaffen vom Raffen „befreit“, und daß auch die „Einheitsfront“ zu solcher Vereinheitlichung tendiert, darf den Verfassern nicht auffallen. Die Folge einer solchen Kritik, die in der Endlosschleife linker ML-Ideologie hängengeblieben ist, liest sich in dem KPB-Aufruf als Bankrotterklärung analytischer Fähigkeit: „Der Krieg im Irak ist zu verurteilen, ebenso wie es die Kriege in Tschetschenien, im Kosovo und in Ex-Jugoslawien sind“. Kaum verwundern kann unter solchen Vorzeichen, daß man den folgenden Satz wohl wortwörtlich aus einer Rede Gerhard Schröders abgeschrieben hat: „Die US-Regierung ist auf dem Weg, die Hegemonialposition in der Durchsetzung von Kapitalinteressen und der Ordnung der Welt herbeizubomben.“

Konformismus und Distinktion

Als im Sommer 2000 der „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen wurde, war kurzzeitig Unbehagen in der Antifa aufgekommen: Sollte etwas mit dem Massenansatz nicht stimmen, wenn es auf einmal von Bündnispartnern nur so wimmelt? Statt aber daraus die Konsequenz zu ziehen, mit dem Sammlungskonzept endgültig zu brechen, meinte man, das bisherige Konzept nur deutlicher zum Ausdruck bringen zu müssen, also weiter zu machen, als sei nichts passiert. So heißt es in der Erklärung von KPB zur AAB-Auflösung über die Gründe der Antifa-Krise: „Mit der Entwicklung einer Vielzahl von Konflikten in den letzten Monaten hatte sich herauskristallisiert, daß der abstrakte Grundkonsens der Gruppe – mit einem linksradikalen und kapitalismuskritischen Selbstverständnis und dem Ansatzpunkt Antifaschismus – als einigendes Band zu locker war.“

Weil man nicht zur Kenntnis nehmen möchte, daß mit dem regierungsoffiziellen Anknüpfen am Traditionsantifaschismus das Erbe des Nationalsozialismus unkenntlich und respektabel zugleich gemacht werden sollte, begreift man erst recht nicht den antifaschistischen Tapetenwechsel, der die Antifa als ehrenamtliche Staatsangestellte auffliegen ließ. Deutlich führt diese Verständnislosigkeit die ALB in ihrer Erklärung zum Ende der AAB vor. Es heißt dort, daß man den Antifa-Sommer für „wirkungslos verpufft“ hält und deshalb „Antifaschismus (...) ein wichtiger Punkt der politischen Verortung in der BRD“ bliebe, von dem aus man „über die radikale Linke hinaus wirken“ könne. Es wird also einfach ignoriert, daß es längst der Mainstream ist, der die Unterstützung antisemitischer Diktatoren und den Quasi-Boykott gegen Israel als antifaschistische „Lehre aus der Geschichte“ verkauft. „Wir haben uns dafür entschieden, die Isolation, in die uns die Konflikte mit der AAB getrieben haben, aufzubrechen“ (Hervorhebung S.P.), heißt es im besten therapeutischen Selbsthilfejargon, anstatt die Isolation vom und den Konflikt mit jenem deutschen Mainstream erst wieder zu suchen.

Vielleicht hilft ihnen ja die zwar hämische, dadurch aber nicht minder zutreffende Diagnose des Naziblattes Junge Freiheit vom 2. März ’01 ein wenig auf die Sprünge: „Hat infolge des beständigen staatlichen Kampfes gegen Rechts die klassische Antifa ihr ehemaliges Deutungsmonopol an die sogenannte ‚Neue Mitte‘ verloren? Tatsächlich spricht vieles für die These. (...) Wer die rechte Gewalt ablehnt, wird gezwungen, sich der Kampagne anzuschließen. Wer das aber tut, akzeptiert gleichzeitig bestimmte politische Prämissen, die vom regierenden linksliberalen Lager festgesetzt sind. (...) [Beim] Wechsel vom antitotalitären zum antifaschistischen Konsens (darf) auch die Linke nicht gratis mitmachen (...). Nun ist die linke Meinung eine unter anderen. Sie ist keine Alternative mehr, sondern ein dekorativer Kontrast (...). Der Antifaschismus der ‚neuen Mitte‘ ist der moralische Kitt, der das große Bündnis für den ‚Standort Deutschland‘ zusammenhält (...). Tot ist die wohlbekannte linke Antifa. Es lebt ein Rest von fanatischen ‚Antideutschen‘. Gesiegt hat mit Glanz und Gloria eine gesichts- und gesinnungslose Mitte, die sich nun zu Repräsentationszwecken eine zahme Hof-Antifa hält.“

Warum sie eine „zahme Hof-Antifa“ ist, bleibt allen unerklärlich, die Antifaschismus als beliebiges Vehikel linker Politik ansahen, auf den man umstieg, als Ökologie, Antiimperialismus etc. keine Massen mehr auf die Straße brachten. Damit blieb Antifaschismus gänzlich unberührt von seinem vorgeblichen Gegenstand, dem Faschismus, und deswegen auch unberührt von der Frage, wie sehr linke Politik, sei es die eigene, sei es die der 68er, 77er oder 81er, schon immer mit nazistischer Ideologie korrespondierte, ohne daß man es wahrhaben wollte. Das groteske Streben, mittels Antifaschismus ein ohnehin schon sinistres antikapitalistisches Ressentiment der Mehrheit (inklusive der offenen Nazis) noch antikapitalistischer zu machen und dabei dennoch als graue Katze in der schwarzen Nacht kenntlich zu bleiben, treibt auch die beiden verbliebenen bundesweit bedeutenden Gruppen um – die Autonome Antifa (M) aus Göttingen und das Bündnis gegen Rechts aus Leipzig. Erstere stellt fest: „Entscheidender Punkt ist immer, ob der radikalen Linken ein eigenständiger Ausdruck verschafft werden kann, der nicht von der Mobilmachung der Zivilgesellschaft zu vereinnahmen ist (...). Gerade die Möglichkeit der Radikalisierung ist letztlich das Ziel unseres Agierens.“ Zweitere meint: „Unser Umgang bemißt sich immer an der Frage, inwieweit eine linksradikale Position (...) transportiert werden kann.“ (Phase 2/06) Sein eigenes Handeln als Mittel zum Zweck einer Bewegung zu begreifen, in der man sich von anderen unterscheiden möchte ohne den Konsens zu sprengen und die man dennoch zu radikalisieren versucht, beweist nur allzu deutlich, daß die Antifa an allem Interesse zeigt, nur nicht an der ernsthaften Bekämpfung des Faschismus, speziell in seiner deutschen Radikalvariante, dem Nationalsozialismus.

Deutlicher und dreister kann man dieses Desinteresse nicht artikulieren, als die Gruppe KPB mit ihrer Schlußstrich-Variante nach dem Ende der AAB: „Die in weiten Teilen der Antifa-Bewegung gängigen Argumentationsmuster, auf strukturelle bzw. personelle Kontinuitäten zwischen BRD und Nationalsozialismus zu verweisen, haben sich durch den wachsenden historischen Abstand weitgehend erledigt. Aus demselben Grund hat sich die geschichtspolitische Bedeutung des Bezugs auf den Nationalsozialismus verringert und an Wichtigkeit für die politische Meinungsbildung eingebüßt.“ (a.a.O.; Hervorhebung S.P.) Dafür hat die Aversion gegen den Westen und das Finanzkapital „an Wichtigkeit“ zugenommen und, schwups, mutiert Anti-Faschismus zum Anti-Globalismus: „Eine zeitgemäße linksradikale Bewegung (...) muß versuchen, inhaltlich in diese Bewegung zu wirken und sie damit voran zu bringen.“ Das prinzipielle Problem von Konformismus und Distinktion bleibt natürlich so erst recht bestehen: Wie kann ich in der antikapitalistischen Volksbewegung mitschwimmen, „erfolgreich Politik machen“ und dennoch einen Mindestabstand zu den unleugbaren Scheußlichkeiten solchen gesunden, deutschen Volksempfindens wahren? Absurditäten, wie gegen den Krieg und gegen die Friedensbewegung oder gegen Israel und gegen den Antisemitismus sein zu wollen, sind die logische Konsequenz dieses Dilemmas.

Obwohl Aktionen wie jene der AAB gegen die Bevölkerung von Dolgenbrodt, die Söldner zum Abbrennen eines geplanten Asylbewerberheimes verpflichtet hatte, die große Ausnahme blieben, es ansonsten niemals zur Antifa-Beteiligung an Strafexpeditionen gegen die Deutschen in Grevesmühlen, Babenhausen, Gollwitz oder Sebnitz kam, weil man sich den positiven Bezug auf die deutsche Bevölkerung nicht verbauen wollte, resümierte die taz dennoch, daß es der „Wunsch nach Abgrenzung“ gewesen sei, der der AAB zum Verhängnis wurde. „Abgrenzung“, die dadurch zustande kam, daß manche Antifaschisten den „linken“ Faschismus vor ihrer Nase einfach nicht übersehen konnten, wie es von KPB (a.a.O.) berichtet wird: „Teile der [späteren KPB] wollten (...) einer Teilnahme an der Großdemonstration gegen den Bush-Besuch 2002 nur zustimmen, wenn eine Abgrenzung von antisemitischen und Krieg und Kapitalismus einseitig auf die Person Bush beziehenden Positionen erkennbar würde.“ Im linken Universum der „Einheitsfront“ und des Widerwillens gegen Dissense aber sind schon solche Feigenblatt-Diskussionen zu viel. Zwar mag man sich von „der Bevölkerung“ abgrenzen, zugleich aber wird die „Suche nach Distinktionsgewinnen, also Vorteilen aus dem eigenen Anderssein“ kritisiert, wie in der AAB-Broschüre Das Konzept Antifa mitgeteilt wird. (S 26)

Weiter heißt es dort: „Erfolgreich ist vor allem Identitätspolitik. (...) Neben der Schaffung eines eigenen Umfeldes geht es darum, politische Bewegung zu entwickeln, also verbindliche Punkte zu erarbeiten und zu verbreiten, auf die sich möglichst viele Milieus einigen können; in unserem Konzept eine antifaschistische Grundorientierung.“ (ebd., S. 32f.) Deren „besondere Attraktivität macht aus, daß sie verbunden ist mit Gemeinschaftlichkeit und Kreativität“, „daß sich mit Genuß Politik machen“ und zugleich „die Aufgabe lösen (läßt), die postmoderne Logik im Fortschritt und nicht als Rückgriff zu überwinden: durch das Aufgreifen ihrer Unbeschwertheit, ihrer Eingängigkeit, ihrer Kampfmittel wie Ironie und stilistischer Vielfalt.“ (ebd.)

Die im Konzept Antifa angelegte Corporate Identity befördert also das genaue Gegenteil von dem, was ursprünglich intendiert war: Die Bewußtlosigkeit der Masse statt des kritischen Bewußtseins vieler einzelner. Die Antifa ist somit Teil der totalitären Tendenz der Gesellschaft, die in absoluter Dynamik stillsteht, weil ihr Bewegungsfetischismus hilft, mögliche Resistanzkräfte des Einzelnen durch idealisiertes Aufgehen in der Gemeinschaft abzutöten.

Massen in Bewegung

Daß einen der Mainstream einholt, nicht trotz der Tatsache, daß man unbedingt „links“ sein möchte, sondern gerade deswegen, bleibt das große Mirakel für alle Fraktionen der Antifa, die sich als immun gegen Selbstkritik erwiesen haben: Wie kommt es nur, daß „die Rechten“, „die Faschisten“, „die Nazis“ immer offener und immer mehr „linke“ Ideen für sich „benutzen“ und „mißbrauchen“, wie allseits beklagt wird? Die Antwort liegt nicht zuletzt im Mitmach- und Mobilisierungskult, den der Antifaschismus von jeher betrieben hatte, denn dieser ist beileibe nicht „revolutionär“, noch nicht einmal neutral gegen seine politische „Codierung“.

„Massenbewegungen“ sind zugleich die authentische Verlaufsform der „faschistischen“, institutionalisierten „Revolutionen“ und Adressat und Wunschbild der offiziellen kommunistischen Bewegungen seit den 20er Jahren. „Linke“ und „rechte Massenmobilisierung“ lassen sich voneinander kaum unterscheiden, solange sie die Definition für „Masse“ erfüllen: den Rückgang bewußter Tätigkeit, die Neigung, ungehemmt eine einmal gehegte Absicht auszuführen, generell die Ersetzung der Realitätsprüfung des Individuums durch vom Kollektiv gedeckte gängige Wahnwelten. Ein Begriff wie „Arbeiterklasse“ tendiert so zu „Arbeitsvolk“, „Kapitalist“ zu „Blutsauger und Schmarotzer“, wie es aus der stalinistischen Propaganda zu Genüge bekannt ist. Doch nicht dem Stalinismus, sondern dem Nationalsozialismus blieb es vorbehalten, den angelegten Vernichtungswillen bruch- und schrankenlos in Bewegungs- und Staatspraxis umzusetzen. Ohne mithalten zu können, konkurrierte damals das traditionskommunistische Antifa-Konzept der Volks- und Einheitsfront mit dem Nationalsozialismus.

Der Antifaschismus, der zu dieser Zeit dem Begriff nach auf den italienischen Faschismus zugeschnitten war, blamierte sich an diesem nicht vollständig, weil der italienische an Radikalität der Ideologie und Totalität des Zugriffs auf die Gesellschaft dem Nationalsozialismus erheblich nachstand. Der Faschismus hat nicht mit dem Klassencharakter der Gesellschaft gebrochen, wie der Nationalsozialismus, der die bürgerlichen Spaltung der Gesellschaft durch die Vernichtung der Juden aufhob. Der Faschismus konnte auf die mörderische Steigerung des vorhandenen antisemitischen Ressentiments verzichten, während der Nationalsozialismus auf ihre Entgrenzung angewiesen war. Im Italien der 20er und 30er Jahre wurde die faschistische Partei „als bürgerliche Partei neuen Typs“ quasi verstaatlicht. In Deutschland wandelte sich die NSDAP zur „faschistischen Partei neuen Typs“. (Luks, S. 202) Der Staat wurde zu einem Mittel der nationalsozialistischen Bewegung und wurde „ideologisch und in gewissem Grade auch faktisch abgeschafft“ ist. (Neumann, S. 460)

Der stalinistische Antifaschismus konnte gegen den NS nicht bestehen, weil er schon wegen des Bündnisses mit linksbürgerlichen Kreisen nicht in antisemitischen Radau-Antikapitalismus umkippen durfte und dem mörderischen Widerwillen gegen die bürgerliche Gesellschaft deshalb keine völlig ungehemmte Abfuhr versprochen hat. So sehr sich der Parteikommunismus auf die nationalsozialistischen Mobilisierungsformen und -inhalte zubewegte: Die letzte „antikapitalistische“ Enthemmung konnte er nicht ins Programm nehmen, wollte er mit dem Konkurrenten nicht identisch werden und die vielen westlich orientierten Intellektuellen verlieren. (2) Die Feststellung, daß der Nationalsozialismus wesentlich die Tendenz zur Enthemmung in der Masse, zum Aufgehen in der Bewegung ist – ideologisch übersetzt als Haß auf den Liberalismus und den Bürger –, impliziert dabei keineswegs, daß jeder politische Zusammenschluß großen Zuschnitts zum Nationalsozialismus tendiere: Erst die „pathologische Massenbildung“ (Ernst Simmel) setzt außer Kraft, worauf Gesellschaftskritik allein beruhen kann: Selbstreflexion, Vermeidung von „pathischer Projektion“, keine Delegierung von Verstand und Gewissen ans Kollektiv. Doch die „pathologische Massenbildung“ hat mit der militärischen Niederlage des Nationalsozialismus keineswegs ihr Ende gefunden. Die Linke hat erheblichen Anteil daran, daß dieses nur vorübergehend stillgelegte Potential gerade dort zu neuer Dynamik erwacht ist, wo man es am wenigsten erwartet hätte, in den Verfallsprodukten der APO, also den K-Gruppen und den von ihr maßgeblich gesponsorten neuen sozialen Bewegungen. Wie tief die nationalsozialistische Präformierung sitzt, ist denen am wenigsten bekannt, die in den 90er Jahren Überlegungen zu einer ganz neuen Antifa anstellten und uralte, aber nichts desto trotz brandgefährliche Hüte für sich entdeckten. Man tut es der historischen Vorgängerin aus den 30er Jahren nach und wundert sich, wenn die faschistische Stereotypie die Mitbürger einfach besser mobilisiert als das wirkgebremste linke Surrogat.

Man scheint sich in Antifakreisen mit ML-lastigen Faschismusdefinitionen gerade deshalb zu begnügen, um den Nachweis erbringen zu können, auch in „Theorie“ gemacht zu haben, und in Zukunft beim Weiterwursteln in der schlechten Wirklichkeit immun gegen die Anfechtungen der kritik zu bleiben. Niederschmetterndes Beispiel für eine solchen Umgang mit Kritik ist eine AAB-Veranstaltung Ende der 90er Jahre anläßlich des Erscheinens von Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“. Als Referenten waren dazu ausschließlich Koryphäen des traditionellen linken Antifaschismus wie Reinhard Kühnl, Karl-Heinz Roth und Wolfgang Wippermann eingeladen worden. Was dabei herauskam, klingt so: „Einig waren sich alle Referenten (also auch die der AAB – Anm. S.P.) in der Ablehnung der ‚Modernisierungstheorie‘, die besagt, daß der Nationalsozialismus eine soziale Revolution vollbracht (...) habe.“ (Konzept Antifa, S. 29) In scheinbar seltsamen Kontrast steht dieser Traditionalismus mit der Reklamation des 1998 noch fast allerneuesten Theorie, der „Postmoderne“, für die Strategie. Doch beides gehört zusammen: Scheut man die kompromißlose Kritik des Nationalsozialismus, um praktisch mitmachen zu können, so kann diese Praxis doch nur erfolgreich sein, wenn sie sich an der fortlebenden nationalsozialistischen Präformierung des common sense mißt. „Die nationalsozialistische Ideologie verändert sich ständig“, schreibt Franz Neumann, als würde er zugleich über Derrida, Deleuze/Guattari oder Zizek urteilen. Der Nationalsozialismus ist weder eine „politische noch eine soziale Theorie. Weder besitzt er eine Philosophie noch interessiert ihn die Wahrheit. Er übernimmt in jeder beliebigen Situation jede Theorie (...). (Er) ist kapitalistisch und antikapitalistisch zugleich. Er ist autoritär und antiautoritär.“ (Neumann, S. 67, S. 506f)

Antisemitismus und Antifa-Masse

Antisemitismus ist beständige Mobilisierung. Er ist nicht nur Ausdruck eines halluzinierten Antagonismus zwischen dem Uneigentlichen (dem Künstlichen) und dem Eigentlichen (dem Natürlichen), sondern Mittel der permanenten Massenmobilisierung hin zur maßlosen Vernichtung. Die dauernde Mobilisierung einerseits, das Racket- und Bandenwesen andererseits, dessen innere Konkurrenz nicht zuletzt die Dynamik des NS-Staates ausmacht, benötigt zwingend etwas, was das Ganze als Souverän nach innen wie außen zusammenhält. Paradox erscheinende Feststellungen wie in den Erinnerungen Leo Löwenthals, daß der „spontane“, individuelle, ohne ausdrückliche administrative Rückendeckung sich äußernde Antisemitismus in Deutschland vergleichsweise schwächer ausgeprägt war (3), widersprechen dem Charakter der Deutschen und des Nationalsozialismus nicht: Übermäßige Repression destruktiver Regungen geht beim autoritären Charakter quasi übergangslos in umso ungehemmtere Aktion über, sobald seine Regung von der Masse gespiegelt wird. Diese Neigung zu quasi unangekündigten Destruktionsschüben, die deutschen Bewegungen eignet, war auch Wolfgang Pohrt aufgefallen: Daß „der Antisemitismus (...) gemäßigter und schwächer schien und wohl auch war als in vielen anderen europäischen Ländern, wo dafür aber der psychotische Vernichtungswille fehlte, welcher in Deutschland dem zunächst harmlos erscheinenden Antisemitismus erst die furchtbare Gewalt verlieh.“ Daraus könne man schließen, daß in Deutschland „erst im Moment der Zündung das tödliche Gemisch entsteht.“ (4)

Vielleicht seines unangekündigten Charakters wegen blieb die Funktion des Vernichtungsantisemitismus für den Nationalsozialismus als Zentrum der katastrophischen Aufhebung der Differenzierungen und Gegensätze der liberalen Gesellschaft auch Franz Neumann letzlich ein Rätsel. Der kommunistische Antifaschismus aber stellte sich absichtlich blöd: Alles, was an die negative Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft gemahnte, wurde geleugnet und der Antisemitismus als eine Ablenkungsstrategie der Herrschenden gegenüber den Beherrschten verniedlicht. Ist die Masse erst entschuldigt, können die Antifaschisten sogleich wieder mit der Masse anbändeln. In gemilderter Form lebte sofort nach 1945 eine linke Propaganda auf, die ihre Verwandschaft mit der des Nationalsozialismus nur ganz oberflächlich kaschierte: Antizionismus, die Rede vom „angloamerikanischen Bombenterror“, der Arbeitsfetisch, der Haß auf sogenannte Spekulanten und imperialistische Verschwörungen wurden um das Attribut „jüdisch“ gekürzt, also „antifaschistisch“ geläutert wieder in Umlauf gebracht. Noch in den gutwilligsten Bekundungen der KPD, wie in ihrer „Resolution der Berner Konferenz“, geistert noch „das Volk“ als von „antisemitischer Propaganda“ irregeführter antifaschistischer Instanz herum: „Die Antifaschisten dürfen der erbärmlichen Judenhetze des Regimes nicht die geringsten Konzessionen machen, sondern müssen überall (...) aufklärend entgegentreten, die Pogromisten im Volke isolieren und die jüdischen Mitbürger moralisch und materiell nach Kräften unterstützen. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen den Krieg und zur Befreiung des ganzen Volkes vom Joch der Hitlerdiktatur.“ (zitiert nach Berthold, S. 177)

Schon am 11. Juni 1945 zeigte sich das ZK der KPD recht unbeeindruckt von der Judenvernichtung und biederte sich dem „Volk als Opfer Hitlers“ an, ohne die Juden besonders zu erwähnen. Unter dem Titel „Schaffendes Volk in Stadt und Land! Männer und Frauen! Deutsche Jugend!“ heißt es.: „Wir deutschen Kommunisten erklären, daß auch wir uns schuldig fühlen, indem wir es trotz der Blutopfer unserer besten Kämpfer infolge einer Reihe unserer Fehler nicht vermocht haben, die antifaschistische Einheit der Arbeiter, Bauern und Intelligenz entgegen allen Widersachern zu schmieden, im werktätigen Volk die Kräfte für den Sturz Hitlers zu sammeln, in den erfolgreichen Kampf zu führen und jene Lage zu vermeiden, in der das deutsche Volk geschichtlich versagte.“ (ebd., S. 194) Weil Antisemitismus für das Volksfrontkonzept nie ein Ausschlußkritierium war, weil er ausschließlich als Instrument der herrschenden Klasse begriffen wurde, log man den Volksgemeinschaftsgedanken nach 1945 kurzerhand endgültig zum antifaschistischen um. Denn auch die nachnationalsozialistische „Volksfront“ der DDR basierte weiterhin auf der Absage an das Individuum, die im NS ihre „barbarische“ Vollendung längst erfahren hatte, zielte also gerade nicht darauf, „andere Formen der Organisation“ der im Geist der Massen fortlebenden entgegenzusetzen. Der Nationalsozialismus kann mit seinen eigenen Mitteln nicht besiegt werden, da er sie unvergleichlich radikaler gebrauchte: Verabreicht man den Deutschen um sie still zu halten den Antiliberalismus, den protestantischen Arbeitsethos oder propagandistische „Schleuderware“ (Neumann), wie es von der Arbeiterbewegung, auch der an der Macht, praktiziert wurde, so rufen diese doch stets nach der höchstmöglichen Dosis – das ist die Botschaft der jüngsten „deutschen Revolution“.

Antifamythen

Dennoch lebt der Mythos einer in Deutschland notwendigen und möglichen antifaschistischen Einheits- und Volksfront bis heute fort und bleibt die antifaschistische Aktionseinheit im Zweifelsfall auch den autonomen Antifas das Maß aller Dinge. Der in diesem Zusammenhang vielbeschworene „kleinste gemeinsame Nenner“ der Handlungsfähigkeit im Kampf gegen Nazis beruht jedoch auf einer verheerenden Geschichtsklitterung. Denn daß Volksfront und Aktionseinheit die Konsequenz aus dem Nationalsozialismus sein könne, ist historisch nicht nur nicht zu halten, sondern schlichtweg eine Lüge. „Eine Bewegung“, schreibt Hitler in Mein Kampf, müsse sich „vom ersten Tage ihres Bestehens an als Bewegung der Masse fühlen und nicht als literarischer Teeklub oder spießbürgerliche Kegelgesellschaft.“ Der Nationalsozialismus braucht die Massenmobilisierung wie der Mensch die Luft zum Atmen: Das aber heißt für den Kampf gegen ihn, daß Antifaschismus niemals zur Agentur deutscher Volksbewegungen werden darf.

Ein Antifaschismus, der nicht fast schon automatisch den Kampf gegen jegliche Formen von Volksmobilisierungen zum Inhalt hätte, müßte als seine Vorausstzung ein von den Alliierten tatsächlich reeducated Germany vorfinden, in dem populäre Bewegungen nicht wie von selbst zu „pathologischen Massen“ mutierten. Die neueste Friedensbewegung zeigt exemplarisch, daß entgegen Goldhagens poststrukturalistischer Annahme 1945 kein neues „gesellschaftliches Gespräch“ begann. Wenn „Wahrheit maßgeblich durch die Praxen des Erzählens zustande“ käme (Jungle World 04/03), wie es Phase 2 behauptet, dann hätte es nach heutiger Wahrheit nie ein Auschwitz gegeben.

Nur die bedingungslose Kritik des Antisemitismus ist die Bedingung der Möglichkeit kommunistischer Kritik, weil sie als einzige dazu befähigt, „der Massenmentalität überhaupt entgegenzutreten.“ (Simmel, S. 89) Die alte AAB, darin wahrlich pars pro toto, war unfähig dazu, weil ihr alle Verweigerung suspekt war: „Kennzeichen aller modernen Industriestaaten ist die Individualisierung, die Auflösung aller solidarischen Beziehungen, oft von den Einzelnen durchgesetzt mit Selbstbehauptungsrhetorik. Zwangsläufig bedeutet Vereinzelung die Orientierung an individuellen Kosten-Nutzen-Rechnungen als letztem Maßstab (...). Die unaufhörliche Betonung des eigenen Subjekts zur Erhaltung der eigenen ‚absoluten Freiheit‘, ist die Flucht vor Kollektivität, vor der Verbindlichkeit einer Gruppe (...). Oft wird solcher Individualismus sogar als antifaschistische Gegenstrategie verkauft, als Reflex auf die antiliberale Volksgemeinschaftsausrichtung.“ (Konzept Antifa, S. 4, 61) Leuten in denen es so denkt, kann auch egal sein, daß Linke wie Nazis argumentieren, es also in der Hauptsache keinen Unterschied gibt und hüben wie drüben ein und derselbe antiimperialistische und befreiungsnationalistische Impuls zur Antiglobalisierungsbewegung drängt.

Sören Pünjer/ Bahamas Nr. 41, Frühjahr 2003

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Literatur:

Antifaschistische Aktion Berlin; Das Konzept Antifa, Berlin 1998

Berthold, L., Diehl, E. (Hg.); Revolutionäre Parteiprogramme , Ost-Berlin 1967

Freud, S.; Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Ders., Gesammelte Werke XIII, Frankfurt/Main 1999

Luks, L.; Enstehung der kommunistischen Faschismustheorie, Stuttgart 1985

Neumann, F.; Behemoth, Frankfurt/ Main 1977

Simmel, E.; Antisemitismus und Massen-Psychopathologie, in: Ders (Hg), Antisemitismus, Frankfurt am Main 1993

Sternhell, Z.; Die Entstehung der faschistischen Ideologie, Hamburg 1999

Anmerkungen:

1) Zitat aus dem auf der Lüdenscheider Homepage dokumentierten „Aufruf gegen den drohenden Irakkrieg“, den u.a. unterzeichnet haben: Autonome Kommunisten Berlin, Attac TU Berlin, Berliner Anti-Nato-Gruppe, Junge Linke Wesel, Kommunistische Plattform der PDS Hamburg, Pahl-Rugenstein Verlag Bonn, PFLP, red action nuernberg, Red Community NRW, Antiimperialistische Koordination Wien, TU Berlin Anti-Kriegs-Komitee, Rote Aktion Duisburg, FreundInnen Irlands Berlin, Palästina Solidaritätsbündnis Hamburg, PDS-Kreisverband Wesel.

2) Besonders exemplarisch prallten die verschiedenen Auffassungen auf dem Pariser Kongreß „Zur Verteidigung der Kultur“ von 1935 aufeinander. Auf der einen Seite versuchte Anna Seghers die deutschen Massen zu retten, in dem sie deren „Vaterlandsliebe“ und „Stolz auf die Arbeitskraft“ verteidigte; allein deren Produkte seien „die wirklichen nationalen Kulturgüter“. Einer solchen „antiwestlichen Proletarität“ trat, als Vertreter der französischen Volksfront, André Gide entgegen, der den Unterschied prowestlicher Geisteshaltung zum kollektivistischen Proletkult mit einem flammenden Plädoyer für die Werte des Westens auf den Punkt brachte: „Es kann die Gesamtheit am wirksamsten fördern, wer am individuellsten ist.“

3) „Im alltäglichen Leben hat es eigentlich gar keine Rolle gespielt, ob man Jude war oder nicht (...). Wir haben uns immer darüber lustig gemacht, eben weil es eine solche Randerscheinung war, daß die Insel Borkum keine Juden zuließ. Von einer Art Antisemitismus, die es einem unmöglich macht, in bestimmte Restaurants, Hotels oder Clubs zu gehen, habe ich erst hier in Amerika erfahren. Ich hatte zwar schon in Deutschland davon gehört, aber ich habe es nicht glauben können.“ Ders., Mitmachen wollte ich nie, Frankfurt am Main 1980, S.33

4) in: konkret 05/90; vgl. auch 06/90