Wolfgang Pohrt - Anti-Amerikanismus, Anti-Imperialismus; Vortrag gehalten am 15. Mai 1984 in Freiburg [entnommen: ReadMe #01]
Meine Damen und Herren, da Sie zu meinem Vortrag gekommen sind, darf ich ein gewisses Interesse nicht nur am Text, sondern auch an der politischen Biographie der Person erwarten, und dieses Interesse erleichtert es mir, über die paradoxe Situation hier zu sprechen, denn die Tatsache, daß wir nun friedlich im Wortstreit miteinander vereint sind, ist keineswegs selbstverständlich. Wenn jemand heute eine Veranstaltung selbst bestreitet, die er damals, zu Zeiten des Vietnam-Protests, vermutlich von außen gestört und belagert hätte, dann hat offensichtlich eine Veränderung stattgefunden, die man nicht stillschweigend übergehen kann, sondern die erklärt werden muß.
Zum Glück brauche ich Ihnen trotzdem keinen Schwank aus meinem Leben erzählen, keinen Bildungsroman des Inhalts etwa, wie man mit den Jahren reifer und weiser wird, wie man bereut und Einsicht zeigt. Denn die Veränderung, die erklärt werden soll, hat wenig mit mir und viel mit dem Thema zu tun, das heute abend auf dem Programm steht.
Das Thema ist der Anti-Amerikanismus, welcher wiederum die Ursache dafür ist, daß unter den westdeutschen Linken allem lauten Gezeter über Reagan und Pershing zum Trotz eine eher friedliche Grundstimmung herrscht. Gerade die heftigsten Ausfälle gegen Amerika klingen heute so, wie wenn jemand seine Zweifel übertönen und sich selbst überreden müsse zu einem Glauben, den er schon verloren hat. Der Grund, weshalb der Anti-Amerikanismus, die »Verblödungsform des Anti- Imperialismus« (Claussen), den Stimmungsumschwung bewirken konnte, wird leicht begreiflich, wenn man den Anti- Amerikanismus mit dem Anti-Imperialismus vergleicht. Der Anti-Imperialismus betrachtet die USA funktionell, als Führungsmacht eines Systems, welches auf globaler Ausbeutung und Unterdrückung beruht und globales Elend hervorbringt. Der Anspruch der Vereinigten Staaten, erste Ordnungsmacht der ganzen westlichen Welt zu sein, wird dabei gewissermaßen beim Wort genommen und gegen seinen Urheber gewendet: Wer die halbe Menschheit nicht gerade beherrscht, aber doch seine ordnende und bei Bedarf eingreifende Hand über sie hält, der ist auch für den Zustand verantwortlich, in welchem sich diese halbe Menschheit befindet. Wer aber verantwortlich ist für den Zustand einer halben Menschheit, die zum beträchtlichen Teil im Elend lebt, hungert, verhungert, gequält und gefoltert wird, der ist auch schon verurteilt. Kraft des logischen Zusammenhangs von Herrschaft und Verantwortung stiftete der erklärte oder auch nur stillschweigend vorausgesetzte Führungsanspruch der USA eine weltweit reichende moralische Verantwortlichkeit, und insofern darf man den Führungsanspruch der USA als ideelle Voraussetzung des Anti-Imperialismus begreifen, wie überhaupt dieser vielgeschmähte Führungsanspruch negativ in sich den Gedanken der Menschheit enthält, den Gedanken also, daß es kein Gebiet auf der Erde gibt, welches uns nichts angeht, keine Nation, die so autonom oder souverän ist, daß die Regierung ohne unseren Einspruch und Widerstand die Bevölkerung niedermetzeln darf. Entgegen der neuerdings ins Kraut schießenden reaktionären Meinung, die Existenz vieler unabhängiger Nationalstaaten sei der Aufteilung der Welt in Blöcke vorzuziehen, war es gerade die Existenz eines weltumspannenden Machtblocks, die Unrecht, Elend und Hunger noch im entlegendsten Winkel der Erde als etwas von einem Verursacher Hervorgebrachtes und also als begreiflich und abschaffbar erscheinen ließ. Um Ihnen den Unterschied in seiner Bedeutung für die Praxis an einem Beispiel klarer zu machen: Wenn in Chile das Militär die Macht übernimmt und 30.000 Menschen diesen Wechsel mit dem Leben bezahlen, dann weiß man doch wenigstens, zu welcher Botschaft man laufen muß, um die Scheiben einzuschmeißen. Wenn hingegen dem Regime Idi Amins, dem Biafra-Krieg oder jetzt dem Krieg Iran Irak Hunderttausende zum Opfer fallen, dann weiß man, anders auch als bei der Bombardierung von Beirut, überhaupt nicht mehr, was man machen soll, oder anders gesagt: es ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt, einen Verantwortlichen, eine Beschwerdeinstanz, einen Verursacher oder Urheber zu haben, den man immerhin ideell für das Unrecht auch im letzten Winkel der Erde haftbar machen kann, selbst wenn praktisch noch keine Möglichkeit besteht, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Denn mit der Idee, daß das Unrecht einen Urheber habe, ist auch schon logisch die Forderung nach seiner Abschaffung gesetzt, und es kann nicht mehr als unbegreifliches, unabänderbares Schicksal betrachtet werden, wenn irgendwo auf der Welt Menschen einander quälen. Weil das Unrecht besonders in der dritten Welt nun in der Tat nicht vom Himmel gefallen war, sondern einen Urheber hatte, kam der amerikanische Anspruch auf Vorherrschaft der Wahrheit bedeutend näher als beispielsweise die Doktrin der Blockfreien, die auf ihre nationale Unabhängigkeit pochten. Insofern das Streben nach Hegemonie von Verantwortung nicht zu trennen ist, trägt dieses Hegemoniestreben, sicher gegen seinen Willen, der Tatsache Rechnung, daß man eine 400- jährige Kolonialgeschichte nicht dadurch beenden kann, daß man die verwüsteten und ausgeplünderten Gebiete nun mit einem Federstrich einfach zu souveränen Nationen erklärt, welche für ihr Schicksal selbst verantwortlich sein sollen, da sie doch formell frei sind. Überhaupt haben die nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt weniger die einheimische Bevölkerung befreit, die vielmehr zwangsläufig von Elend und Hunger versklavt bleiben mußte, sondern diese nationalen Befreiungsbewegungen haben in erster Linie die meist europäischen Kolonialherren befreit, sie haben sie befreit von den Folgekosten vergangener Raubwirtschaft, vergangener Ausbeutung und Plünderung. Die ganze Entkolonisierung Afrikas und Asiens, der Rückzug der europäischen Kolonialmächte aus diesen Gebieten kann mit der großherzigen Geste eines Sklavenhalters verglichen werden, der einem Sklaven in genau dem Moment die Freiheit schenkt, wo dieser Sklave, von der Plackerei verschlissen, gebrechlich und hinfällig geworden ist. Ihn zur freien Person erklären heißt dann, Kosten sparen und ihn dem Hungertod überlassen.
Den Verdammten dieser Erde die nationale Unabhängigkeit zu schenken, die sie haben wollten, und für die sie auch kämpften, war somit eine gute Methode für die entwickelten Länder, das von ihnen selbst angerichtete Elend auszugrenzen. Entkolonisiert wurde immer dann, wenn die Kolonien ein Zuschußgeschäft geworden waren wie Indien oder Mozambik, wo sich durch die nationale Souveränität nicht der Hunger geändert hat, sondern nur der für den Hunger formell Verantwortliche, der nun kein reiches Land mehr ist, sondern eine ohnmächtige, arme Regierung, der sich nichts vorwerfen läßt. Um noch ein Beispiel zu nennen: Als Belgien den Kongo in die Unabhängigkeit entließ, hinterließ es außer einem Analphabetenheer genau neun ausgebildete Ärzte. Als erster Staat hat übrigens Südafrika die äußerst zweifelhafte Logik ethnischer und nationaler Befreiung klar durchschaut und sie dann ganz bewußt in der eigenen Politik angewendet, bei der Ausrufung der berüchtigten »Homelands« nämlich, Gebiete, wo das Elend, ausgegrenzt und konzentriert wird und einer eigenen Verwaltung überantwortet, damit der Verursacher fortan seine Hände in Unschuld waschen kann. Die entlastende Funktion, welche die Homelands für Südafrika haben, hat für die europäischen Kolonialmächte die Beförderung ihrer Kolonien zu Nationalstaaten gehabt, und in diesem Sinn ist es zwar begreiflich und realpolitisch unvermeidlich, wenn die mittelamerikanischen Befreiungsbewegungen für eine größere Unabhängigkeit vom amerikanischen Einfluß kämpfen, aber deshalb ist es noch keineswegs richtig. Richtiger wäre es vielmehr, wenn beispielsweise Nicaragua seine Anerkennung als 53. US-Staat durchsetzen könnte, und die Nicaraguaner US-Staatsbürger mit allen Rechten und US-Pässen würden. Vom Umfang der Hindernisse, die dem entgegenstehen, kann man sich freilich leicht eine Vorstellung verschaffen, wenn man das Beispiel auf deutsche Verhältnisse überträgt und sich den Wirbel ausmalt, den etwa die Forderung hervorrufen würde, als Wiedergutmachungsleistung für begangenen Völkermord in seiner Kolonialzeit müsse Deutschland Namibia als Bundesland akzeptieren und der dort lebenden Bevölkerung alle Rechte eines deutschen Bürgers gewähren, von den Sozialleistungen bis zur Freizügigkeit. Und wenn dann Scharen von Schwarzen aus Namibia mit deutschen Pässen in der BRD eintrudeln würden, dann hätte die westdeutsche Linke endlich mal Gelegenheit, der Welt zu beweisen, daß es ihr gelungen ist, daheim jenen Rassismus abzuschaffen, den sie in anderen Ländern und speziell in den USA so gern und laut beklagt. Der Anti-Imperialismus der Protestbewegung, dem solche Gedanken nicht fremd gewesen sind, hatte sich zwar für nationale Befreiungsbewegungen begeistern können, aber nur deshalb, weil er auch sie, wie ihren Gegner Amerika, funktionell betrachtet hat. In einem Aufruf zum großen Vietnamkongreß im Februar 1968 beispielsweise hieß es: »Der Kampf des vietnamesischen Volkes gegen den amerikanischen Imperialismus ist Teil des Kampfes aller Menschen gegen Ausbeutung, Unterdrückung und tägliche Entmündigung. « Es ging also nicht um eine Parteinahme für die Nation Vietnam und gegen die Nation Amerika, sondern die Verfassung der ganzen Welt stand zur Disposition. Mit dem Wort »Imperialismus« hatte das schreiende Unrecht auf dieser Welt einen Namen bekommen und zugleich eine Erklärung gefunden. Der Blick auf dies schreiende Unrecht wiederum war der Grund dafür, Amerika in seiner Eigenschaft als imperialistischer Führungsmacht einerseits unversöhnbar feindselig entgegenzutreten, und gleichzeitig andererseits ganz unbefangen und vorurteilslos von Amerika zu lernen und sich die Errungenschaften der amerikanischen Zivilisation anzueignen. Als Führungsmacht der imperialistischen Länder nämlich waren die USA auch die Nation, wo sich die Widersprüche am weitesten zugespitzt hatten, in die man in der BRD als einem hochrangigen und privilegierten Teilhaber an der globalen Ausbeutung selber verwickelt war. Selbst die Tatsache, daß in einer Gesellschaft Widersprüche entstehen und sich ausdrücken können, daß sogar eine kriegführende Nation keine verschworene Gemeinschaft von Kumpanen sein muß, hatte man ja in der BRD, nach der Nazizeit, erst wieder von Amerika lernen müssen, und die westdeutsche Protestbewegung gegen den US-Krieg in Vietnam war zunächst ein Ableger, fast eine Imitation der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Insofern kann man die Studentenbewegung mit ihren »sit ins« und »teach ins« als Amerikanisierung des öffentlichen Lebens bezeichnen, wobei die politische Emanzipation zwangsläufig die Form einer Amerikanisierung deshalb annehmen mußte, weil es an deutschen Universitäten eine radikaldemokratische oder gar sozialistische Tradition nicht gab, nicht die Aktionsformen einer Bürgerrechtsbewegung, sondern Burschenschaften, Antisemitismus, Biergesaufe und Fackelzüge, die neuerdings wieder in Mode gekommen sind. Lange bevor die Nazis die Macht im Staat hatten, hatten sie Macht in den Asten und anderen Universitätskörperschaften. Voraussetzung dieser Amerikanisierung war die eigene, dem grenzüberschreitenden imperialistischen Einfluß folgende Internationalisierung, die natürlich nur im Bewußtsein existiert, die Tatsache also, daß man sich selbst jedenfalls nicht als Deutscher begriff.
Die Deutschen das waren immer die anderen, die Väter mit der Nazivergangenheit, die Rentner, die der Zeit des Massenmords nachtrauerten. Nachträglich wird man sagen können, daß damals vielleicht eine Spur Nationalbewußtsein nicht geschadet hätte. Hätten die Demonstranten sich damals nicht ausschließlich nur als internationalistische Anti-Imperialisten, sondern auch ein wenig als Deutsche begriffen, dann hätten sie nämlich auf Grund von Vergleichen mit der eigenen Geschichte Phänomene schätzen und würdigen müssen, die sie für ganz selbstverständlich nahmen: die Tatsache zum Beispiel, daß in einem kriegführenden Land, welches täglich mehrere hundert Tote zu beklagen hat, dennoch öffentlicher Protest gegen diesen Krieg und Zweifel an seiner moralischen Berechtigung möglich sind. Hätte die westdeutsche Linke das zu solchem Protest gegen ein gereiztes Kollektiv erforderliche Maß an Zivilcourage begriffen, geschätzt, gewürdigt und sich daran ein Beispiel genommen, dann hätte sie sich vielleicht nicht später von einem einzigen Toten, von Schleyer, mit dem Rest der Bevölkerung zu einer großen Volkstrauergemeinschaft zusammenschweißen lassen müssen. Der Anti-Imperialismus aus der Zeit des Vietnamprotests wußte also sehr genau, aus welchen Gründen gegen die USA agitiert und demonstriert wurde: da war einerseits der Vietnamkrieg selbst, andererseits das sich unter amerikanischer Vorherrschaft oder zumindest Schirmherrschaft ausbreitende Unrecht und Elend auf der Welt. Diese gesicherten und nach wie vor gültigen Erkenntnisse schützten zuverlässig vor der Versuchung, sich bei nächster Gelegenheit oder einem Anfall guter Laune mit dem Gegner einfach zu verbrüdern. Eine Gegnerschaft, die durch keinen eigenen Stimmungsumschwung, sondern nur durch eine Veränderung von Tatsachen würde ausgeräumt werden können, war wiederum die Voraussetzung dafür, die USA ohne Häme und Ressentiments zu betrachten, ohne halbwissend schon als falsch durchschauten nationalen Dünkel und bildungsphiliströse Überheblichkeit. Es wurde dann beispielsweise eine Demonstration gegen US-Institutionen, bei der auch Steine flogen, angeführt von einem Lautsprecherwagen, der die Demonstranten mit der Jimy Hendrix- Version der amerikanischen Nationalhymne beschallte. Gerade umgekehrt verhält es sich beim Anti-Amerikanismus.
Er ist Ausdruck nicht einer durchdachten, kontinuierlichen politischen Gegnerschaft, sondern der Anti- Amerikanismus ist die eine Seite einer Haßliebe und darin dem Anti-Semitismus verwandt, der den Juden in wechselnder Folge alles Gute und alles Schlechte nachsagt, und sie, dabei nur den eigenen triebökonomischen Bedürfnissen gehorchend, je nach Bedarf mystifiziert oder dämonisiert. Der ostentative Widerwille besonders gegen den amerikanischen Kulturimperialismus gibt sich auch für den mäßig geschulten Beobachter fast immer als Reaktionsbildung auf den übermächtig gewordenen Wunsch zu erkennen, sich dem Feind zu unterwerfen und sich dabei in Seen aus Cola und Berge aus Icecream auflösen zu dürfen. Wenn Cola und Comics als scheußliche Laster dargestellt und als Sünde dämonisiert werden, deren lockender Verderbtheit und Verworfenheit keiner widerstehen kann, ohne mit aller Macht gegen sie ankämpfen zu müssen, dann handelt es sich dabei ganz offensichtlich um eine Projektion eigener nichtgeduldeter Wünsche in die Außenwelt, weil man zum Konsum von Cola und Comics von niemand anderem gezwungen wird als von der eigenen Gier nach diesen Dingen. Wenn man glaubt, gegen einen amerikanischen Kulturimperialismus agitatorisch zu Felde ziehen zu müssen, um die Welt von Cola zu befreien, so ist dies pathische Projektion oder der Kampf gegen nicht geduldetes eigenes Verlangen auf Kosten eines gerade in diesem Punkt unschuldigen Gegners, denn gegen Cola muß man, anders als gegen US-Interventionstruppen in Nicaragua, nicht kämpfen, wenn man es nicht mag; es genügt vielmehr, keines zu kaufen. Die Ursache für das Übermächtigwerden des Wunsches, vor einem laufenden Farbfernseher in Bergen von Micky Mouse-Heftchen zu baden und sich dabei Cola über den Kopf zu gießen, die Ursache für das Übermächtigwerden dieses Wunsches also, der aus allen Klagen über den amerikanischen Kulturimperialismus herausklingt, dürfte speziell bei den Linken in der vorangegangenen Entpolitisierung zu suchen sein, im Verlust des Interesses an Fragen, welche den Imperialismus, die Dritte Welt und die Befreiungsbewegungen dort betreffen. Unter dem Aspekt seiner Bedeutung für den Anti-Imperialismus betrachtet, war Amerika ein wankendes Ungetüm, ein Papier-Tiger, von der Weltgeschichte dazu verurteilt, in der vorliegenden Form zu verschwinden. Verschwindet nun aber nicht Amerika, sondern ein Geschichtsbewußtsein, welches Amerika als Führungsmacht zum Verschwinden verurteilt hat, so verschwindet auch aus dem Weltbild in den Köpfen der Menschen die historische Dimension. Zieht man aus dem Weltbild aber die historische Dimension ab, so bleibt nichts übrig als bloß die Gegenwart. In der Gegenwart aber ist Amerika noch immer das reichste und mächtigste, in allen Bereichen führende Land der Erde. Wenn Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war, dann sind die USA die Metropole der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und alle anderen Gebiete auf der Welt sind in Relation dazu Provinz. Mehr stillschweigend als offen erklärt hatte sich bei den Linken allmählich die resignative Vorstellung durchgesetzt, daß es keine Entwicklung, schon gar keine Befreiungsgeschichte und ganz bestimmt keine antiimperialistische Weltrevolution geben werde.
Unter dieser Voraussetzung aber müssen die Nationen anders beurteilt werden. Nicht ihre Bedeutung für die Weltgeschichte als einem in der schließlichen Revolution mündenden Befreiungsprozeß zählt, sondern entscheidend ist, was sie in der Konkurrenz gegeneinander auf kulturellem, wirtschaftlichem, wissenschaftlichem und militärischem Gebiet leisten. Aus dieser Konkurrenz nun mußten die USA zwangsläufig als glänzender Sieger hervorgehen, und die ersten, die das durch ihr eigenes Verhalten anerkannt haben, waren in Westdeutschland natürlich die Linken gewesen, die mit Amerikanismen um sich warfen, von keiner US-Regierung dazu aufgefordert den mit Amerikanismen durchsetzten Szene-Jargon entwickelten, die Bob Dylan verehrten, Bukowski lasen, die Bogart-Filme überrannten, usw. Als nämlich in den siebziger Jahren das Interesse an der Revolution und die politischen Aktivitäten nachließen, entstanden Zeitlücken im Tagesablauf, die mit Freizeitgestaltung gefüllt werden mußten, und es ist ein Beweis für damals noch vorhanden gewesenen guten Geschmack bei den Linken, daß sie amerikanische Ware der einheimischen vorzogen, also Chandler und Hammett wiederentdeckten, in die Filme der Marx- Brothers oder die Krimis der schwarzen Serie liefen und Bibermanns »Salz der Erde« fünfmal sahen, einen großartigen Film, der seit zehn Jahren nicht mehr gelaufen ist. Dem antiamerikanischen Ressentiment in den späten siebziger Jahren war also bei den Linken eine nichterklärte Begeisterung für amerikanische Produkte vorangegangen, und man wird daraus schlußfolgern dürfen, daß in diesem Ressentiment verschiedene Motive zusammenwirken. Zum einen das schlechte Gewissen über die Entpolitisierung, den Verrat an der eigenen Geschichte und den eigenen Überzeugungen vielleicht, ein schlechtes Gewissen, welches dazu führte, daß man zum Zwecke der Selbstexculpation Ursache und Wirkung vertauschte: nicht die Entpolitisierung war der Grund, daß man nun amerikanische Krimis und Serien verschlang, sondern die Entpolitisierung war vielmehr ein Resultat der unwiderstehlichen Verführungskünste von Coca-Cola, diesem magischen Saft, der harte Kämpfer weich macht. Zum anderen hatten sich die internationalistischen Anti-Imperialisten im Zuge ihrer Entpolitisierung und Begeisterung für amerikanische Unterhaltung, von ihnen selbst zunächst unbemerkt, in einfache deutsche Staatsbürger zurückverwandelt. Im Augenblick, wo sie sich dessen bewußt zu werden begannen, gab es folglich ein böses Erwachen. Selbstvergessen, ohne Ansehung der eigenen Nationalität, hatte man im Konkurrenzkampf der Nationen auf kulturellem Gebiet auf der falschen Seite gestanden, man hatte dem Gegner in die Hände gearbeitet, man hatte es zu allem Überfluß auch noch vollkommen freiwillig getan, und das war mehr, als man ertragen konnte. Man konstruierte deshalb, analog zur Wortschöpfung »Machtergreifung«, einen starken Feind, gegen den eine Schlacht zu verlieren keine Schande ist, und dieser starke Feind, gegen den man tapfer, aber auf verlorenem Posten gekämpft haben wollte, war der amerikanische Kulturimperialismus, die Schicksalsmacht also, der speziell die Linken zu erliegen meinen, wenn sie Dallas und Denver gukken, und ähnlich konstruiert wie im christlichen Glauben der Teufel, der den Frömmsten nicht in Frieden läßt. Weil der Anti-Amerikanismus keine begründete Gegnerschaft ist, sondern selbstverleugnendes Ressentiment gegen Verlockungen und Lüste, nach denen man mit jeder Faser seines Herzens giert, führt diese Haßliebe zu den Produkten der Konkurrenz, die man liebt, weil sie gut sind, und die man haßt, weil sie nicht die eigenen sind, in unlösbare Widersprüche, die sich in Stammtischtiraden und den diversen Varianten populistischer Biertischpolitik Luft machen. Am Stammtisch macht sich der Volkszorn Luft auf die Großen, die man liebt, weil sie groß sind, und die man haßt, weil man selbst gern an ihrer Stelle wäre, zumal man einander wortreich und lautstark davon zu überzeugen pflegt, wieviel vernünftiger und besser man selbst an Reagans oder Kohls Stelle entscheiden würde, womit man nur tut, was auch Augstein und eigentlich fast alle deutschen Kolumnisten machen, die sich den Kopf der Mächtigen zerbrechen und dabei vielleicht tagträumend ihrem Kinderwunsch nachhängen, sie säßen nicht an der Maschine, sondern auf dem Capitol oder im Pentagon, wo man keine Artikel fabriziert, sondern unmittelbar Weltgeschichte. Wegen der Haßliebe zu den Großen mischt sich am Stammtisch in den Bierdunst stets ein Hauch von Wahn, aber ob es dann auch zur Wahnsinnstat kommt, ist abhängig von den realen äußeren Machtverhältnissen.
Ein Stammtisch, der gegen Türken oder Juden eifert, kann zu Taten schreiten, ein Stammtisch aber, der den Großen neidvollen Respekt bekundet, indem er gehässig gegen sie wettert, wird entweder von der eigenen Gesetzestreue oder notfalls von der Polizei zur Vernunft gerufen. Weil analog dazu es die objektiven Machtverhältnisse erlauben, daß man die Deutschen dazu zwingt, sich an die Regeln in dem von ihnen selbst gewählten Spiel auch zu halten, wird der Anti-Amerikanismus praktisch folgenlos bleiben und wie ein böser Spuk in sich selbst zusammenbrechen, wie ein durch Schock ausgelöster Schreikrampf, den man mit einer einfachen Ohrfeige kuriert, die den Patienten aus seiner Wahnwelt in die Welt der Tatsachen zurückführt. Der Anti-Amerikanismus setzt die Konkurrenz der Nationen gegeneinander auf die Tagesordnung, unter Vorspiegelung falscher Erwartungen über den Ausgang des Rennens, unter der irrigen Annahme nämlich, die friedliebende BRD müsse gegen die kriegstreiberischen USA gewinnen. Der Anti-Amerikanismus vergißt dabei, daß er keine Macht besitzt, die Wahrheiten, die er verschweigt, auf die Dauer auch verheimlichen zu können. Die Wahrheit ist einerseits die, daß die USA zu verurteilen und zu bekämpfen sind gemessen an dem, was möglich wäre, und was die USA mit ihrer Politik tatkräftig verhindern: eine Welt ohne Elend, Hunger und Folter, die im amerikanischen und gleichzeitig auch bundesdeutschen Einflußbereich von Ankara bis Rio gedeiht, und verglichen mit welcher solche hier dauernd beklagten Menschenrechtsverletzungen im Ostblock ein Kavaliersdelikt sind, die darin bestehen, daß irgendein ukrainischer Schriftsteller an seiner Berufsausübung gehindert wird. Die Wahrheit ist andererseits, daß die USA das gelobte Land sind, wenn man von der Möglichkeit der Befreiung aller Menschen von Elend, Hunger und Folter abstrahiert und nur die Wirklichkeit, und besonders die der Bundesrepublik, in Betracht zieht. Die Liste der Pluspunkte, die Amerika im Nationenvergleich BRD USA einheimsen könnte, dürfte Seiten füllen, ich will mich auf zwei Beispiele beschränken: l.) Die Afrikaner, die nach Amerika geholt wurden, sind amerikanische Staatsbürger geworden. Sicherlich wurden sie diskriminiert. Gegen diese Diskriminierung wurde damals, als man sich mit den Black Panthers solidarisierte, in der BRD massiv protestiert. Und nun wüßte ich gern, wo die Demonstranten von damals heute geblieben sind, wo es hier darum geht, gegen die Diskriminierung der Türken zu protestieren. Ich wüßte gern, wo es eine der amerikanischen vergleichbare deutsche Bürgerrechtsbewegung gibt, welche Skandale untersucht und anprangert wie etwa den Feuertod von sechs Asylanten in der Berliner Abschiebehaft oder den Vorfall in Mannheim, wo Polizeibeamte in Zivil allem Anschein nach zum Spaß Türken niedergeschossen haben, die nun, wie es bei Konflikten mit der im Vergleich zur rabiaten amerikanischen angeblich so bürgernahen bundesrepublikanischen Polizei üblich ist, ein Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angehängt bekommen haben.
Ich habe versprochen, mich auf zwei Beispiele zu beschränken und will deshalb schweigen von den Verdiensten der amerikanischen Presse und des kommerziellen Fernsehens. Stattdessen möchte ich einen anderen Punkt erwähnen, einen Punkt, der im Zusammenhang steht mit der Notwendigkeit, hier eine Kampagne zur Amnestierung aller politischen Gefangenen zu machen, eine Kampagne, die bei den westdeutschen Behörden auf ungefähr das gleiche Interesse stößt, wie bei den westdeutschen Linken, nämlich auf keines. Auch in den USA haben sich im Rahmen des Vietnam-Protests militante Gruppen gebildet, die einer falschen Politik mehr als bloß böse Worte entgegensetzen wollten. Die ‚Weathermen‘, von denen ich rede, haben Bombenanschläge gemacht, es hat auch Schießereien gegeben. Anders als in der BRD ist daraus aber kein Stammheim entstanden, kein in seiner ganzen betonierten Massivität umgestülpter Führerbunker als Wahrzeichen ungebrochener Endsiegmentalität, die sich nicht damit zufrieden gibt, daß der Feind geschlagen ist, sondern die keine Ruhe findet, bevor er nicht vernichtet ist. Keiner der ‚Weathermen, auch keiner der an Bombenanschlägen und Schießereien nachweislich beteiligt gewesenen, ist heute noch in Haft, während hier gerade ein nicht-nachweislich Beteiligter, nämlich Peter-Jürgen Boock, zu dreimal lebenslänglich und 15 Jahren verurteilt wurde. Um die Sache zu Ende zu bringen und den Kreis zu schließen: Die Entpolitisierung der Linken, die den Anti-Amerikanismus ausgelöst hat und von ihm verstärkt wurde, hat auch Leute, die sich als internationalistische Anti-Imperialisten fühlen, faktisch in hauptberufliche deutsche Staatsbürger zurückverwandelt. Als Staatsbürger eines Volkes aber, in dessen Namen gerade das Boock-Urteil gesprochen wurde, dessen Behörden die hier lebenden Ausländer schikanieren und dessen Regierung unter anderem das türkische Folterregime unterstützt hat, als solcher Staatsbürger also hat man weder ein Recht noch einen Grund, anderen Staatsbürgern das Sündenregister ihrer Länder vorzurechnen. Seit die Ausländerdebatte mit immer neuen Vorschlägen und Gesetzesentwürfen zur Begrenzung und Rückführung hier nicht mehr aufhören will und sich Anschläge gegen Ausländer häufen, hat man in der BRD keinen Grund mehr, sich über die Diskriminierung der Schwarzen oder die Behandlung der Wanderarbeiter aufzuregen. Viel mehr hat man Grund, von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung die Aktionsformen zu lernen, mit denen man Diskriminierung verhindert. So haben sich also Zeiten geändert, und dies, meine Damen und Herren, ist der Grund dafür, warum wir hier in der Universität bei einer vom Amerika-Haus mitgetragenen Veranstaltung friedlich zum Wortstreit vereint sind.