Die deutsche Friedensbewegung...
»Die internationale Staatengemeinschaft kann und darf Verbrechen gegen die
grundlegenden Menschenrechte (…) nicht tatenlos hinnehmen.« erklärte der Rat
der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD).
Günter Grass, hauptberuflicher Nobelpreisträger (Literatur), ließ
verlautbaren, dass seiner Meinung nach, dieser »militärische Einsatz
notwendig ist«. Gleichzeitig kritisierte er das »Herummogeln um die
Notwendigkeit des Einsatzes von Bodentruppen«.
Vier Jahre nach diesen 1999 im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg auf die
Republik Jugoslawien getätigten Äußerungen haben die Zitierten eine andere
Haltung eingenommen. Es müsste eigentlich nachdenklich stimmen, dass Grass und
der EDK, die damals nichts dabei fanden, dass Deutschland nicht nur das heute
oft bemühte „Völkerrecht“, sondern auch seine eigene Geschichte zurechtgebombt
hat, sich heute als Friedensengel geben. Und nicht nur sie.
Noch vor 4 Jahren konnte man anlässlich der Bombardierung Belgrads vergeblich
auf die Zehntausenden warten, die bis vor kurzem nahezu jedes Wochenende gegen
den Krieg am Golf protestierten. 1999 hieß der Krieg „friedensschaffende
Maßnahme“. Hatte sich die Rot-Grüne Regierung noch im letzten Jugoslawienkrieg
nicht gescheut, die toten Juden Europas noch einmal zu verwerten, indem sie vor
einem „Auschwitz auf dem Balkan“ warnten, suchte man die Beschreibung der
Lebensumstände unter dem Baath-Regime vergeblich. Dass aus den deutschen
Kriegsbefürwortern von gestern die deutsche Friedensbewegung von heute entstehen
konnte, hat rein gar nichts mit den vorgeblichen Verbrechen „der Serben“ zu tun.
Wenn dem so wäre, warum sollte Husseins Regime, das Hunderttausende umbrachte,
in Kuwait einfiel und tausende Kurden vergaste, jetzt verschont
werden?
»Dieser drohende Krieg ist gewollt. In planenden Köpfen, auf den Börsen
aller Kontinente, in wie vordatierten Fernsehprogrammen findet er bereits statt.
Wir kennen die Machart, nach der man sich einen Feind, sollte er fehlen,
erfindet«, Günter Grass, hauptberuflicher Nobelpreisträger (Literatur),
Februar 2003
„»Denn wir sehen keine ethische oder völkerrechtliche Rechtfertigung für
ihn - den Krieg –(...) Alle politisch Verantwortlichen in der Welt sind zum
Einsatz für den Frieden verpflichtet. So fordert der Ausschuss die politischen
Führungskräfte auf: entsprechend internationalem Recht und moralischen Normen zu
handeln und die gewaltfreien Mittel zu nutzen, um wahrhaftige Gerechtigkeit und
wirklichen Frieden zu gewährleisten.« Rat der Evangelischen Kirchen in
Deutschland (EKD), März 2003
Deutschland und die Deutschen haben sich in den letzten Jahren nicht
gewandelt, wohl aber ihre Position zum Krieg. Warum? Der dritte Golfkrieg war
kein deutscher Krieg, und der Feind des Baath Regimes 2003 ist auch der Gegner
Deutschlands 2003. Damit sind die beiden Motive, um die Deutschlands
Friedensbewegung kreist, benannt: Nationalismus und Antiamerikanismus. Aus ihnen
gewinnt sie ihre Dynamik.
Von Nationalismus...
Verteidigungsminister Peter Struck erklärte, im Februar 2003: „meine weiteren
Überlegungen gehen von der Annahme aus, dass der Schwerpunkt der Aufgaben der
Bundeswehr auf absehbare Zeit im multinationalen Einsatz und jenseits unsere
Grenzen liegen wird.“ Zumindest jenseits der Vorstellungsgrenzen der deutschen
Friedensbewegung. Konsequent bemüht sich die Friedensbewegung, die ökonomischen
und geopolitischen Interessen der Bundesrepublik zu verschleiern oder zu
marginalisieren, um den Konsens mit der Regierung nicht zu brechen. Auf den
großen, einschlägigen Friedensdemos hierzulande waren die Fahnen der
Regierungsparteien unübersehbar. Quer durch deutsche Feuilletons wird die
„Haltung“ der Bundesregierung gelobt. Kanzler und Außenminister bedanken sich
für die Unterstützung, die sie von der Straße bekommen. Die BRD hat seit 1991,
laut UN-Angaben, die meisten Verstöße gegen das UN-Militärembargo gegen den Irak
zu verantworten. Nach der Besetzung des Iraks werden Konzessionen für
Ölförderung neu vergeben, um die sich deutsche Unternehmen in den letzten Jahren
bemüht hatten. Der Konkurrent: die USA. Und wie sieht der „klare Friedenskurs“
(Gerhard Schröder über Gerhard Schröder) der Bundesregierung eigentlich aus? Der
Militärhaushalt wurde von den Kürzungen im Bundesetat ausgenommen und auf 24, 4
Milliarden Euro bis zum Jahr 2006 festgeschrieben. Hinzukommen diverse
untergeordnete Fonds, die im Militärhaushalt nicht einmal mehr auftauchen. In
konkreter Planung befindet sich ein Modell für ein Präventivkriegskonzept und
die dazugehörige deutsch-europäische Armee. - Soviel also zum „Friedenskurs“.
Die deutsche Friedensbewegung stärkt die deutschen Interessen, indem sie diese
verschweigt und verkommt so zu einem nationalistischen Projekt par excellence.
... bis Antiamerikanismus
Weltweit gesehen handelt es sich beim Anti-Amerikanismus lediglich um die
„Verblödungsform des Anti-Imperialismus“ (Detlef Claussen). Fast überall auf der
Erde schlussfolgert die Friedensbewegung, dass, wer die halbe Welt beherrsche
(militärisch und ökonomisch), auch für deren Zustand verantwortlich seien müsse.
Die letzte verbliebene Supermacht - die USA. Im stillschweigend angenommenen
Zusammenhang zwischen Herrschaft und Verantwortung bleibt die eigentliche
Ursache für den Zustand der Welt, also diesem permanenten mörderischen
Ausnahmezustand, im Dunkeln: die kapitalistische Vergesellschaftung. Der
weltweite Antiamerikanismus bekommt in Deutschland noch eine ganz besonders üble
Note: in seiner spezifisch deutschen Ausprägung werden ähnliche Denkmuster
wirksam wie schon beim Antisemitismus der Deutschen. Nicht alle müssen diesen
Zusammenhang so deutlich machen wie die derzeit sehr friedensbewegte, deutsche
Neonaziszene, wenn sie fordert: „Kein Blut für Israöl“. Ein Günter Grass kann,
wie oben zitiert, wenn er von einem allmächtigen Medien und Börsenkartell
schwadroniert, das den Krieg schon lange geplant habe, das gleiche Bild
erzeugen. Im Mittelpunkt, der Kritik der Friedensbewegung, stehen so nicht der
Krieg oder die gesellschaftlichen Zustände, sondern ein vermeintlich verdecktes,
im Hintergrund agierendes, globales Konsortium - Formally known as USA und
natürlich Grundverschieden vom deutschen Wesen im Allgemeinen und der deutschen
Friedensbewegung bzw. Regierung im Besonderen. Unzählige Plakate, auf
Friedensdemonstrationen, stellen die USA als allmächtigen Kraken dar, der
versucht die Weltherrschaft zu erringen. Bilder, die unweigerlich an die
Judenkarikaturen in Nazizeitungen erinnern. Dies ist jedoch nur eine Parallele
von vielen, welche die strukturelle Ähnlichkeit des deutschen Antiamerikanismus
und des deutschen Antisemitismus belegen. Die USA als Symbol der Moderne bietet
sich dazu an, die Enttäuschungen des Subjekts im Spätkapitalismus konkret zu
machen und zu personifizieren. Eine Legitimation für einen Krieg können die
Deutschen diesen materialistischen Amerikanern jedenfalls nicht ausstellen.
Dadurch aber, dass die Friedensbewegung den Krieg Deutschlands gegen die
Republik Jugoslawien durch Schweigen unterstützte und jenen der USA vehement
ablehnte, schuf sie die moralische Legitimation für die neuen Kriege
Deutschlands. Die Toten dieser neuen Kriege darf sich dann auch die deutsche
Friedensbewegung, als „Kollataralschäden“, mit auf ihre Fahnen
schreiben.
Don’t fight the players –fight the
game!
Wie hältst du’s mit dem Krieg? Diese in den letzten Wochen zum Standard
verkommene, rhetorischen Frage könnte mit einer Gegenfrage beantwortet werden.
Welcher Krieg? Der weltweit herrschende, kapitalistische Ausnahmezustand oder
einen der vielen Kriege im gott- und friedensbewegungsverlassenen Afrika? Aber
diese Frage wird nicht gestellt, weil wirklich eine Antwort erwartet wird,
sondern um die „bellizistische“ Spreu vom „emanzipatorischen“ Weizen zu trennen.
Frei nach George Bush junior wird in Teilen der friedensbewegten Linken
geschlussfolgert: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Bei diesem Spielchen
machen wir nicht mit. Es gibt mehr als genug Gründe, die deutsche
Friedensbewegung nicht zu unterstützen, die offensichtlichsten sind ihr
unverhohlener Nationalismus und ihr unbändiger Hass auf die USA.
bad weather -antifaschistische gruppe / hamburg april
2003