Texte zur Antifaschismus Debatte in der Phase-Zwei seit dem Winter 2004
Die Realitäten im Blick? Die gesellschaftliche Position von Nazis sollte Grundlage der Diskussion um Theorie und Praxis von Antifa sein [Lucas Sandberg, Leipzig] in: Phase 2.19 Frühjahr 2006
Me and my Monkey An der »Antifa-Debatte« beteiligte Gruppen weigern sich, die angebrachten Schlüsse aus ihr zu ziehen [Jan Gerber, Mitherausgeber der Broschürenreihe Materialien zu Aufklärung und Kritik] in: Phase 2.18 Winter 2005
The Antifa Chainsaw Massacre Ein Nachtrag zur Antifadebatte [bad weather, Hamburg] in: Phase 2.17 Herbst 2005
Prärevolutionäre Weltverneinung Bemerkungen zur Debatte über den aktuellen Antifaschismus [AdKs, Berlin] in: Phase 2.16 Sommer 2005
Wort zum Sonntag - Flaschenpost an die Restvernunft Identitäre Positionen helfen der radikalen Linken nicht weiter, nur die Negation des Bestehenden bietet eine Perspektive [Autonome Antifa {F}, Frankfurt] in: Phase 2.15 Frühjahr 2005
Volksgemeinschaft Reloaded Das Bewusstsein der Volksgemeinschaft [Thomas Plättner, Halle] in: Phase 2.15 Frühjahr 2005
Wie deutsch sind die Nazis? Bestimmungen für eine neue Antifadebatte [Phase Zwei, Leipzig] in: Phase 2.14 Winter 2004
Die völkische Option NPD- und DVU-Wahlerfolge, mehr Gewalt der Nazis im Osten - Die Situation verlangt nach einer Analyse, die das Wissen über die deutsche Gesellschaft nicht beiseite wischt [BgR, Leipzig] in: Phase 2.14 Winter 2004
Antifa 2004 - Quite a Feeling, Quite a Relief, Quite a Mess Ein Diskussionsbeitrag zu den Grundlagen antifaschistischer Politik [bad weather, Hamburg] in: Phase 2.14 Winter 2004
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The Antifa Chainsaw Massacre
Ein Nachtrag zur Antifadebatte
"I giggle outside the booth. But ain't no joke inside. This is complicated. At least to y'all it is".
(Bubba Sparxxx)
Neben unserem ersten Text sind bisher vier Beiträge zur aktuellen Antifadebatte in dieser Zeitschrift erschienen. Im Folgenden sollen die Texte der Autonomen Antifa [F] und der Antideutschen Kommunisten Berlin erörtert werden. Die Autonome Antifa [F] begab sich auf die Suche nach einem "Nichtort", wobei es ihr immerhin gelungen ist, dessen Position ungefähr zu "skizzieren". Der "Nichtort" liegt nicht in Erfurt und nicht auf den Bahamas. Die Antideutschen Kommunisten Berlin wollen, dass sich die Antifa zur wirklich "revolutionären Kraft mausert", und nicht in ihrer "prärevolutionären Haltung" verharrt. Es wird zu klären sein, wie die idyllische Landeshauptstadt Thüringens, das tropische Inselparadies in der Karibik und Haltungsdefizite von so entscheidender Frage sein konnten, wenn über den Standpunkt der Antifabewegung diskutiert wird.
Auf der Suche nach dem neuen Freundeskreis
"Lafontaine hat in Chemnitz eine scharfe Soße serviert, die nicht jedem schmeckt. Wenn die Zutaten verfeinert werden, taugt das Rezept trotzdem für einen linken Wahlerfolg."
[Jürgen Elsässer, Verschwörungstheoretiker, Juni 2005]
"Wahnsinnig"(1) sind sie, "die" Antideutschen, soviel ist nach der Einleitung der Antifa [F] dem "vernünftigen" Leser klar. Ob und wie wir dem Wahnsinn genau anheim gefallen sind, würde wohl einer längeren Erörterung bedürfen, die wir jenen ExpertenInnen überlassen wollen, die mit den einschlägigen Störungen vertraut sind. Wir wollen jedoch nicht leugnen, dass trotzdem wir versuchen, uns von den Verhältnissen nicht verrückt machen zu lassen, ob der derzeitigen Einrichtung der Welt uns ab und an die Haare raufen.
I.
Nach der im linken Milieu schon obligatorischen, Psychopathologisierung Antideutscher folgt ein erstes Argument. Einige Antideutsche "nutzen den erklärten Ausstieg aus der radikalen Linken als Einstiegsticket in die nationale Zivilgesellschaft." Nun erwirbt mit dem Ausstieg aus der "radikalen Linken" keineswegs jeder das zivilgesellschaftliche Ticket. Vielmehr ist dieses reaktionäre Ticket von den ProtagonistInnen und erfolgreichsten VertreterInnen der "radikalen Linken" längst gelöst, und wohin die Reise gehen soll, dokumentiert u.a. ein "Offener Brief an die Linkspartei", den auch die Antifa [F] unterzeichnete.(2) So heißt es in dem Brief: "Nichtsdestotrotz begrüßen wir den Zusammenschluss von PDS und WASG zur Linkspartei. Wir hoffen, dass dieser Schritt dazu beiträgt, linke Positionen insgesamt zu stärken und damit auch die Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu verbessern. Auch die deutliche Positionierung von PDS und WASG für die Abschaffung der Hartz IV-Gesetze begrüßen wir. Die Forderung nach der Einführung eines angemessenen Grundeinkommens sehen wir als die richtige Antwort auf die momentane neoliberale Politik an. Die Thematisierung der sozialen Frage darf allerdings auf keinen Fall auf dem Rücken anderer ausgetragen werden. Rassistische, diskriminierende und nationalistische Untertöne haben in linken Parteien keinen Platz." Bisher hatten wir vermutet, dass Parteien in einer parlamentarischen Demokratie, in einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft staatspolitische Vereinigungen seien; dass die Parteien noch am ehesten als "Integrationsapparate" (Agnoli) bezeichnet werden können, deren bürokratische Apparate in Konkurrenz um Machtpositionen zueinander stehen. Vereinigungen die gleichzeitig dem Staatsbürger das Gefühl geben, er wäre Teil einer unendlichen Legitimationskette, die einzig zum Ziel hat, seiner "Stimme Gewicht zu verleihen". Ihre wesentliche Funktion kann somit als Herstellung des "Konsenses der Subalternen zu ihrer Ausbeutung" (Agnoli) bestimmt werden. Damit ist zwar nichts über den Spielraum staatlicher Politik im Kapitalismus ausgesagt, aber alles über jene, die von sich behaupten, "aus einer radikalen linken Position den Kapitalismus abzulehnen", um dann bei dessen staatspolitischen Organen um das eine oder andere Reförmchen nachzufragen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, Residenzpflicht, Abschiebelager und staatliche Schikanierung von Flüchtlingen gehören abgeschafft, abgeschafft wie die Gesellschaftsform aus der diese Dinge resultieren. Schließlich, wir zitieren den Sprecher der Antifa [F](3), "stünden nicht die technischen Möglichkeiten, sondern allein die .Sachzwänge. des kapitalistischen Systems einer vernünftigen Entwicklung der Gesellschaft im Wege". Dabei hätte bereits der Name der Wahlinitiative, nämlich "Arbeit und soziale Gerechtigkeit" über den Charakter des Projektes aufklären können. Die Stilisierung von "Arbeit" zu dem Argument dient doch allein dazu, die Zielgruppe, hier eben die "Unzufriedenen" schlussendlich mit dem Staatsprojekt zu versöhnen und sich eben als "die bessere Alternative" zu präsentieren. Nun ist es legitim als pressure group oder antirassistische Lobby "zivilgesellschaftliche Verantwortung" wahrzunehmen und die Lebensbedingungen von Flüchtlingen via Petitionen an designierte Bundestagsparteien zu verbessern. Etwas widersprüchlich wird dieses Engagement jedoch, wenn man es mit einer linksradikalen Attitüde verbinden will. Die Kriterien für eine "linksradikale Arbeit", welche die Antifa [F] in ihrem Text aufführt, werden so vollkommen ad absurdum geführt. Man will sich nicht mit der "Staatsmacht balgen", sondern kritisch mit ihr zusammenarbeiten. An anderer Stelle schreibt die Antifa [F]: "Der zentrale Begriff der .Reformen. bedeutet dementsprechend auch nicht (mehr) die schrittweise Änderung der Verhältnisse in Richtung der objektiven Möglichkeiten des Menschen, sondern vielmehr die schrittweise Anpassung des Einzelnen an die Verhältnisse. Eine menschliche Vorstellung der Welt, die sich, wie die reformistische Linke es versucht, an diesen Anforderungen der kapitalistischen Realität beweisen will, blamiert sich mithin zwangsläufig selbst."(4) Blamage hin, Blamage her, auch das nächste Argument der Antifa [F] gegen die "Peinlichkeiten" antideutscher Positionen soll untersucht werden.
II.
Die Antifa [F] behauptet, dass es von "antideutscher Seite"(5) "hanebüchene Analysen zur weltpolitischen Lage" gäbe, welche bedingen, dass gesellschaftliche Widersprüche völlig ignoriert werden. Nun ist schwer vorstellbar, dass falsche "Analysen weltpolitischer Zusammenhänge" zu völliger Ignoranz führen. Vielmehr kann etwas nur "weltpolitisch" sein wenn es auch eine gewisse "weltpolitische" Relevanz hat. Was für die Antifa [F] in diesem Sinne von Belang ist, führt sie nur in den Randbemerkungen aus: der "erstarkende christliche Fundamentalismus, der Abbau der Grundrechte". In Frankfurt? In der Bundesrepublik? In Europa? Nein. In den Vereinigten Staaten, natürlich. Dort, so die Antifa [F], würden die Antideutschen den Wegbereiter für den Kommunismus erblicken. Bemerkenswerterweise setzen die Frankfurter Antifas ein "oder wegen?" in ihren Satz, so dass im Ergebnis die Aussage des Satzes lauten könnte: die Antideutschen sehen in den Vereinigten Staaten den Wegbereiter für den Kommunismus, weil dort die Grundrechte abgebaut werden und der christliche Fundamentalismus erstarkt. Nun wurde in der Debatte um die Bedingungen der Möglichkeit eines kommunistischen Projekts sicher auch von antideutscher Seite einiges Falsches behauptet. Aber dass die Vereinigten Staaten den Kommunismus ermöglichen, weil sie Grundrechte abbauen und weil der christliche Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten erstarkt, war mit Sicherheit nicht dabei. Diese Behauptung ist so abstrus, dass die Frankfurter Autoren sich wohl nur in den Randnoten getraut haben, sie zu verbreiten. Überhaupt - die Randbemerkungen. Dachten die Autoren, wir überlesen sie? Dort tritt ihr ganzer Hass gegen die Zumutungen antideutscher Kritik offen zu Tage. Wir zitieren: Antideutsche "schauen sich ihren bildungsbürgerlichen Habitus" vom Verfassungsschutz ab, Antideutsche sind "uncool", Antideutsche sollten doch "zum Therapeuten gehen", Antideutsche sollten doch statt Politik zu machen "sich einen neuen Freundeskreis suchen" oder "stimulierende Drogen nehmen" usw.(6)
III.
Weiter im Text. Die "Volksgemeinschaft" sei ein "Schlagwort", mit dem die Antideutschen abschließend erklären und abbilden wollten, "anstatt", wir zitieren wiederum, "sich damit auseinander zu setzen, dass Theorie - und sei sie noch so kritisch - immer nur eine Annäherung an die gesellschaftliche Wirklichkeit bringen kann." Dass diese deutsche "Wirklichkeit", auch 60 Jahre nach Deutschlands militärischer Niederlage, das stete Rekurrieren auf die nazistische Volksgemeinschaft bedeutet, welche im Projekt Deutschland immer präsent war und nun modernisiert wurde, dies hatten wir in unserem Text versucht nachzuweisen. In dem Land zwischen Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Wurzen, zwischen Deutschpopquote und Rammstein, beim "Bündnis für Arbeit" und Debatten um "parasitäre Fremdarbeiter", zwischen der "durchrassten Gesellschaft" eines Edmund Stoibers, der neuesten Schändung eines Jüdischen Friedhofs, dem Beifall für Walsers Paulskirchenbrandrede und Jörg Friedrichs "Bombenholocaust", wo "US-Amerikaner" ein Synonym für "Mörder aus Profitsucht" ist, und Jude sein bedeutet, dass man "Mörder ist weil man aus seiner Geschichte nichts gelernt" hat, in diesem Land überlassen wir es der Antifa [F] nach der "komplexen gesellschaftlichen Wirklichkeit und Ungleichzeitigkeit" zu suchen, die eine Verwendung des Begriffs Volksgemeinschaft verbietet. Dass wir keinen Unterschied machen, zwischen den offen als Nazis agierenden Volksgenossen und den Deutschen, im Hinblick auf die Konstituierung des postnazistischen Kollektivs, ist den Frankfurtern besonders übel aufgestoßen. Hier werde "lyrischer Kitsch fabriziert."(7) Gereizt reagiert die deutsche Linke immer, wenn man das nationale Kollektiv in seiner Gesamtheit als Rassisten, Antisemiten oder Nazisympathisanten denunziert. So war es in den achtziger Jahren als Wolfgang Pohrt und andere die Friedensbewegung kritisierten, als Antinationale angesichts der Pogrome von Rostock vom "Deutschen Mob" sprachen, und als Goldhagen seine Thesen von "Hitlers willigen Vollstreckern" publizierte. "Die Ursache ihrer Begriffsstutzigkeit ist nicht Unvermögen, sondern ein dumpfes chauvinistisches Ressentiment. Aus ihm speist sich auch der Haupteinwand gegen den Verdacht, die Deutschen könnten es wieder machen, also den Faschismus. Er besteht darin, dass man einfach auf die Realität verweist: Schau doch hin; die Landsleute sind doch normalerweise ganz anders als das Bild, das man in Hoyerswerda oder Rostock von ihnen bekommen hat. Unausgesprochen unterstellt wird dabei, die Landsleute hätten in der Nazizeit den ganzen Tag am offenen Fenster gestanden und .Heil Hitler!. gebrüllt, während sie in Wahrheit zur Arbeit gingen, Kinder kriegten, das Finanzamt betrogen etc. Tatsache ist, dass Mörder selten die Tätigkeit ausüben, nach der man sie benennt. Und ein Verrückter ist nicht 24 Stunden am Tag verrückt. Manchmal schläft er. Das ist vernünftig. Manchmal isst er. Das ist ebenfalls vernünftig. Und dann denkt man eben gern: Richtig verrückt ist der eigentlich nicht. Man nimmt das alltägliche als Beweis für die Normalität [.]."(8) Wenn aber maßgebliche Teile der Gesellschaft mit antisemitischen und antiamerikanischen Wahnideen d'accord gehen und es an einer gegensätzlichen Normalität fehlt, an welcher sich diese Erscheinungen messen könnten, dann, ja dann macht die Unterscheidung zwischen Rechtsradikalen und dem Rest der Gesellschaft keinen Sinn. Ein Fehler antifaschistischer Gruppen war und ist das Beharren auf eben dieser Unterscheidung.(9) Indem das vorgeblich wesensfremde "der Nazis" vom postnazistischen Kollektiv betont wird (Nazis sind: antiamerikanisch, antisemitisch usw.) wird gleichsam unterstellt, in der postnazistischen Gesellschaft wäre dies anders.
IV.
Entscheidender Kritikpunkt an "antideutschen Irrungen & Wirrungen", so führt die Autonome Antifa [F] weiter aus, sei aber, dass "Theoriebildung" nur noch als "Mittel der Distinktion" genutzt wird. Ja warum eigentlich nicht. Wenn Zweck des Prozesses der "Theoriebildung" die Abgrenzung von Vorstellungen wie jener der Antifa [F] ist, dann ist "Theoriebildung" ein probates Mittel. Es folgen im Text der Antifa [F] einige willkürliche Zitate von Autoren der Zeitschrift Bahamas, deren "bessere Tage" allerdings "längst vergangen sind". Die Autoren behaupten, dass die Zitierten Kronzeugen wären, wenn es darum ginge, mit "dem antideutschen Projekt Schluss zu machen" und die "Identifikation mit Staaten, Institutionen und gesellschaftlichen Zuständen" zu kritisieren. Hierzu ist zweierlei anzumerken, zum einen beweist die Antifa [F] mit der Unterzeichnung des offenen Briefes an die Linkspartei, dass sie sich selbst mit staatlichen Institutionen identifiziert, zum anderen verwechselt die Antifa [F] hier Identitätspolitik und Identifizierung, Identifizierung mit als wahr erkannten Einsichten. Einsichten die aus eigenem Interesse vertreten werden. So ist die praktizierte Israelsolidarität antideutscher Antifagruppen nicht Stellvertreterpolitik für verfolgte Juden, sondern der Einsicht geschuldet, dass erst die Abschaffung der Alltagsreligion des Antisemitismus Bedingung für die Möglichkeit eines kommunistischen Projektes ist. Im Übrigen gilt, was man auch immer richtiges(10) gegen die Stellungnahmen der Bahamas in Anschlag bringen könnte, einen Satz wie: "Kriterium linksradikaler Arbeit ist schließlich die Wirksamkeit in der Praxis" haben wir in der Bahamas noch nie lesen müssen.
Über die Wut des Löwen auf die Antilope auch in Bochum
"Ein amerikanischer Konzern kann nicht mit uns umspringen wie Präsident Bush mit der deutschen Regierung im Irak-Krieg."
[Klaus Franz, Betriebsratschef bei Opel, Oktober 2004]
In der letzen Ausgabe der Phase 2 erschien ein Text(11) von Genossen der Antideutschen Kommunisten Berlin (AdK) zur Antifadebatte. Vorab die Verständigung über zwei Missverständnisse. Die AdKs schrieben, wir würden behaupten, der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital sei "nun beendigt". Geschrieben haben wir: "die Beendigung des Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital, als Verschmelzung von Staat und Gesellschaft in Volksgemeinschaft und Rasse müsste demnach auch in einem Staat jenseits des Korporatismus, jenseits der .Sozialpartnerschaft. und .Bündnisse für Arbeit. denkbar sein."(12) Dazu wollen wir anmerken, dass zwischen "denkbar sein" und "nun beendigt" eben jene Welten liegen, die den Wahn der NS-Volksgemeinschaft von einer zukünftigen freien Gesellschaft freier Individuen unterscheidet. Am Ende ihres Textes befassen sich die Autoren mit der Fragestellung "Was tun?". Sie zitieren uns mit den Worten "Ziel kritischer antifaschistischer Interventionen sollten jene ideologischen Kampagnen sein, in denen die postnationalsozialistische Gesellschaft zu sich selbst kommt" und erwarten hiernach "Aufschluss darüber, welchem letztendlichen Zweck die Unternehmung dienen soll." Hierüber, so die Autoren weiter, erfahren sie von bad weather "kein Wort." Nun vielleicht hätten sie den Text zu Ende lesen sollen, um es zu erfahren. Wir hatten geschrieben: "Dies ist beispielsweise bei geschichtspolitisch zentralen Events wie den anstehenden 60. Jahrestagen 2005 - der Bombardierung Dresdens, der Befreiung Auschwitz oder dem 8. Mai - gegeben, nicht im Sinne eines Mitmachens oder kritischen Gestalten-Wollens, sondern als klare Antipode zum postnationalsozialistischen Staat und seiner Gesellschaft."(13) Das mag nicht die von den AdKs geforderte Thematisierung der negativen Erscheinungen des Kapitalismus sein, ist aber auch nicht "kein Wort."
V.
Im Text attestieren die AdKs dem antideutschen Antifaspektrum eine "prärevolutionäre Haltung". Wenn Kommunisten einer politischen Gruppierung eine "prärevolutionäre Haltung" unterstellen, so taugt dies nur als Negativvorwurf, wenn die kritischen Betrachter ihrerseits über dieses Stadium hinaus sind. Hier ist die Haltung der Genossen der AdK eine .revolutionäre..(14) Nun waren die Versuche kommunistischer Revolutionen, auf die eine "revolutionäre Haltung" ja hinzielt, nicht immer die schönen und notwendigen Angelegenheiten, als die sie sich beispielsweise in den Werken des Mannes widerspiegeln der als einziger zweimal den DDR Nationalpreis erhielt.(15) Viele kommunistische Revolutionäre starben und der Gang der Geschichte nahm, wie bekannt, einen gänzlich unerfreulichen Verlauf. Dabei könnte doch alles so einfach sein, jedenfalls wenn wir uns an die Maßgaben der AdKs halten: die zukünftige subversive Kraft müsste den Hass der Volksgenossen auf die Vereinigten Staaten in Hass auf den Kapitalismus verwandeln. Solange aber der Volksgenosse, Volksgenosse ist, sollte man den revolutionären Aufstand, den die AdKs anzetteln wollen und dessen Nichtpropagierung sie den antideutschen Antifaspektrum vorwerfen, hintertreiben. Die Sabotage dieser revolutionären Haltung hat für uns antifaschistische, antinationalsozialistische Gründe. Denn die Strategie der AdKs könnte erst einen Sinn ergeben, wenn aus dem Antisemitismus und Antiamerikanismus der Volksgenossen der Zorn von Menschen gegen die Zumutungen der kapitalistischen Welt wird. Indem sie diese notwendige Voraussetzung unterschlagen und umstandslos zur Aufstandsplanung übergehen, wird aus dem Revolutionsklamauk ein Drama. Dessen Ausgang ist zwar noch nicht in Gänze ausgemacht, und doch gibt es genügend Anhaltspunkte dafür, dass eine Tragödie gegeben wird. Dass man sich die mutmaßlichen Protagonisten des bevorstehenden Umsturzes hierbei notwendigerweise besser macht, als sie sind, ist einer dieser Anhaltspunkte. Nicht jedes Mal wird dies so leicht zu belegen sein, wie am Streik der Bochumer Opel-Arbeiter im Oktober 2004 und dessen Umdeutung zur antikapitalistischen Aktion durch die AdKs. Zur Erinnerung: Am 14. Oktober 2004 legte die Mittagsschicht in allen drei Werksteilen von Opel-Bochum die Arbeit nieder. Die nachfolgenden Schichten taten es ihren Kollegen gleich. Es wurden "Informationsversammlungen" einberufen. Diese "Informationsversammlungen" stellten de facto einen "Wilden Streik"(16) dar, sie dauerten eine Woche. Vorausgegangen war dem Streik die Ankündigung des Managements von General Motors (GM), circa 500 Millionen Euro in den europäischen Standorten einzusparen. Erreicht werden sollte dieses Ziel mit der Entlassung von 12.000 Arbeitern europäischer Werke. In Deutschland wurde gemutmaßt, das Bochumer Opelwerk solle komplett geschlossen werden. Wir hatten zu diesem Streik angemerkt, dass die deutschen Arbeiter nur zum "Wilden Streik" bereit seien wenn das Feindbild amerikanisch markiert ist, und sie nie auf die Idee kämen in selber Weise gegen deutsches Kapital zu opponieren. Die AdKs bestreiten sowohl die antiamerikanische Motivation der Arbeiter als auch den Hergang der Dinge. Sie behaupten der Streik wäre erst nach seinem Beginn antiamerikanisch aufgeladen gewesen. Dem halten wir entgegen, dass erst die antiamerikanische Mobilmachung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen die Arbeiter in Bochum zu einer Form des Arbeitskampfes ermutigte, die in Deutschland seit den siebziger Jahren(17) nicht mehr angewandt wurde. Bereits am 22. Juli 2004 berichtete das WDR Magazin Monitor, dass "Deutsche Arbeitsplätze in Gefahr" seien - es ging um die Produktion eines F-16 Kampjets - und zwar wegen eines "amerikanisch-polnischen Rüstungsdeals." Eine unbestätigte Legende, die sich bis Oktober 2004 halten sollte. Zwar betonte GM, dass die Entscheidung für ein polnisches Werk "rein betriebswirtschaftliche Gründe" hätte, doch wusste Klaus Franz, Betriebsratschef der Adam Opel AG: "Es ist eine rein politische Entscheidung gegen den Produktionsstandort Deutschland." In diese latent antiamerikanische Stimmung bei Opel kam nun die Ankündigung, eine halbe Milliarde in Europa einsparen zu wollen. Eine Ankündigung, wie sie einige Monate zuvor auch schon Daimler-Chrysler in Hinsicht auf die europäischen Werke gemacht hatte, ohne dass die Folge ein "Wilder Streik" gewesen wäre. Betriebsrat Franz erklärte daraufhin: "Ein amerikanischer Konzern kann nicht mit uns umspringen wie Präsident Bush mit der deutschen Regierung im Irak-Krieg."(18) Einen Tag vor dem Streik erklärte Ludger Hinse, IG-Metall-Bevollmächtigter in Rüsselsheim: "Wir brauchen einen Zukunftsvertrag für Europa, für Deutschland. Wir brauchen europäische Perspektiven, damit wir uns nicht von den Vereinigten Staaten vorführen lassen"(19) Ebenfalls am 13. Oktober 2004 erklärte ein Belegschaftsvertreter aus Rüsselsheim der SZ "Das ist doch der reinste US-Imperialismus."(20) Im selben Artikel werden weitere Verschwörungstheorien ausgebreitet, wonach der Druck auf Opel politische Gründe hätte, weil GM den Wahlkampf von Bush unterstützt hätte. Genaue Quellen bleibt die SZ schuldig und verweist auf den Betriebsrat und Belegschaft. Noch am Tag des Streikbeginns kritisierten diverse Landesverbände des DGB die "Ignoranz amerikanischen Managements gegenüber der Unternehmenskultur in Deutschland"(21) Der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, überraschte mit der Feststellung, dass "Europa nicht Texas" sei.(22) Wir könnten noch viele andere Statements beibringen, die aber allesamt nur belegen, dass dem Streik gegen GM eine heftige antiamerikanische Mobilisierung vorausgegangen war. Hinzu kommt, dass bei ähnlichen Anlässen, etwa DaimlerChrysler und VW, sowohl die Kampfformen der Belegschaften, als auch die Begleitung der Proteste bzw. Streiks durch das "Konsortium" aus Gewerkschaften, Politikern und Presse andere waren. Selbstredend handelten die Opel-Arbeiter nicht antiamerikanisch indem sie "wild" streikten, sie handelten lediglich übermotiviert.(23) Übermotiviert von einer antiamerikanischen Aufführung, die immer dann gegeben wird, wenn sich auch nur die kleinste Möglichkeit bietet (und hier gab es eine große Möglichkeit), die negativen Erscheinungen des Kapitalismus abzuspalten, zu "ex-territorialisieren und in den Vereinigten Staaten zu re-territorialisieren".
VI.
Das Verhängnis des Ausstandes in Bochum ist auch das des Aufstandes, den die AdKs propagieren. Denn der Antiamerikanismus in Bochum und der Antisemitismus im gesamten Land sind Ausdruck gesellschaftlicher Normalität in der postnazistischen Gesellschaft. Solange dies so bleibt, ist das Insistieren auf den Aufstand auch eine Drohung an jene gegen die sich üblicherweise der "Volkszorn" in Deutschland richtet. Dass die AdKs Antisemitismus und Antiamerikanismus nur als Wahrnehmungsstörungen der Subjekte begreifen, die lediglich in Zorn auf den Kapitalismus "transformiert" werden müssten, beweist, dass sie das Wesen der postnazistischen Gesellschaft nicht fassen. Dem gegenüber ist mit Thomas Hauke richtig, festzuhalten: "So wie sich sagen lässt, dass eine Ideologiekritik nicht ausreicht, die gesellschaftlichen Strukturen zu zerschlagen, muss auch gesagt werden, dass Ideologien auf die Struktur der Gesellschaft zu wirken vermögen. Die Ideologie gehörte in Deutschland zum .Produktionsverhältnis des Todes. Ein Materialismus, der dieses Produktionsverhältnis nicht zu erfassen vermag, weil die Reaktion in der revolutionären Perspektive keinen Platz hat, ist untauglich."(24) Das bedeutet für den mass-media-complex, auf den die AdKs ebenfalls hinweisen, dass dort zwar ein konformistisches Alltagsbewusstsein gebildet wird, dies aber in Deutschland vor dem Hintergrund einer postnazistischen Gesellschaft stattfindet. Der Opel-Arbeiter wird, wenn er eine Erklärung für die "Misere seines Lebens" sucht, dies eben nur in den seltensten Fällen in "Reklame- und Musiksendungen, Übertragung von Sportveranstaltungen, Quiz Shows, soap operas und anderen Unterhaltungssendungen" tun, sondern eben in dem Sektor der Politik. Dieser Sektor jedoch ist stärker noch als jener der Unterhaltungsindustrie von postnazistischer Ideologie kontaminiert. Der mass media complex ist so gleichzeitig Lautsprecher der postnazistischen Mehrheit in Deutschland und - wie die AdKs ganz richtig feststellen - allgemeines strukturelles Hindernis bei der Überwindung kapitalistischer Vergesellschaftung.(25)
Nichts Neues vom Dauerzustand
Gegen die gemäß den AdKs ad hominem zu demonstrierende Blamage der Subjekte durch die Benennung der "Misere des alltäglichen Lebens" lässt sich ex consesso dann auch einwenden, dass die Kritik der subversiven Kräfte beispielsweise in der radikalen Linken so folgenlos geblieben ist, dass diese sich jetzt ernsthaft dem PDS-WASG Projekt als institutionelle Moralinstanz anbiedert. Wie sich unter diesen Voraussetzungen eine revolutionäre Kraft "mausern" soll, die nicht nur den Kapitalismus, sondern auch Deutschlands Ideologie im Visier haben müsste, das wissen wir nicht. In einer Gesellschaft, deren Kennzeichen immer schon die präventive Konterrevolution war, verschafft der Mangel an Wirkungsmächtigkeit von subversiver Praxis den KritikerInnen jedoch eventuell die Zeit, sich subversive Theorie anzueignen und sich mit anderen hierüber zu verständigen. Die antideutschen Antifas, die im Oktober 2004 in Erfurt aus Anlass der Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung protestierten sind ein Potential für solcherart Unternehmungen.
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Fußnoten:
(1) Alle Zitate, wenn nicht anders gekennzeichnet, aus Autonome Antifa [F], Flaschenpost an die Restvernunft, in: Phase 2.15, 48-51.
(2) Neben der Antifa [F] haben den, von den Gruppen ALB (Antifaschistische Linke Berlin) und FelS (Für eine linke Strömung) initiierten, "Offenen Brief an die Linkspartei" bisher über 300 Gruppen und Einzelpersonen unterzeichnet. Siehe: http://www.offener-brief-an-linkspartei.de/. Das Spektrum reicht von der Antifaschistischen Aktion Hannover bis zu den ChristInnen für den Sozialismus.
(3) Mertens, Sprecher der Antifa [F], in einer Presseerklärung anlässlich des Protestes gegen den hessischen SPD-Parteitag am 6. Oktober 2004, siehe: http://www.autonome-antifa.com.
(4) Aus dem Aufruf der Antifa [F] "Gegen den EU-Gipfel 2005", siehe: http://www.autonome-antifa.com.
(5) Antideutsch wird im genannten Text der Antifa [F] konsequent in Anführungszeichen gesetzt.
(6) Alle Zitate aus Autonome Antifa [F]: Flaschenpost an die Restvernunft, 48, Fußnote 3.
(7) Im Übrigen sollte uns keine Gruppe, die ihren Text allen ernstes mit "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Eure Autonome Antifa [F]" abschließt die Fabrizierung von Kitsch vorwerfen.
(8) Zitiert aus Wolfgang Pohrt, Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand, Berlin 1993, 150f.
(9) Spätestens mit dem "Antifasommer 2000" gab es ernstzunehmende Diskussionen über diesen Komplex. Aber selbst hinter diese Diskussionen fällt die Antifa [F] zurück, wenn sie schreibt: "Wenn es denn überhaupt einen gemeinsamen, bundesweiten Bezugsrahmen für die organisierungswillige radikale Linke gibt, so ist dies in der Provinz wie in den Städten immer noch das Konzept Antifa."
(10) Die Frankfurter Autoren bringen keinen einzigen Textbeleg für ihre Thesen.
(11) Der folgende Abschnitt nimmt Bezug auf Gustav Trabe, Josef Swoboda (Antideutsche Kommunisten Berlin): Prärevolutionäre Weltverneinung. Bemerkungen zur Debatte
über den aktuellen Antifaschismus, in: Phase 2.16.
(12) Bad Weather, Antifa 2004 - Quite a Feeling, Quite a Relief, Quite a Mess. Ein Diskussionsbeitrag zu den Grundlagen antifaschistischer Politik, in: Phase 2.14, 28-30.
(13) Ebd.
(14) Die Genossen der AdK schrieben jedenfalls sie wollten das man sich "zur wirklich revolutionären Kraft mausert", siehe: Trabe, Svoboda, Prärevolutionäre Weltverneinung.
(15) Gemeint ist Peter Hacks.
(16) Die Informationsversammlung gestützt auf § 39 Betriebsverfassungsgesetz ("Recht auf Information") ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige, semilegale Möglichkeit eines "Wilden Streiks" nach deutschem Arbeitsrecht.
(17) Bemerkenswert, dass beim spontanen Streik bei Ford im August 1973 nicht die deutsche Belegschaft streikte sondern in ihrer übergroßen Mehrzahl Migranten, was wohl auch für einen Großteil der nachfolgenden wilden Streiks des Jahres 1973 gilt.
(18) Zitiert nach: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Oktober 2004, 43.
(19) Zitiert nach Spiegel-Online vom 13. Oktober 2004 - http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,323180,00.html.
(20) Süddeutsche Zeitung vom 13. Oktober 2004. Der Artikel war bezeichnenderweise mit "Rache des Mutterkonzerns" überschrieben.
(21) DGB Verbände Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen in gemeinsamer Presseerklärung, ddp vom 14. Oktober 2004.
(22) Presserklärung von Huber vom 14. Oktober 2004.
(23) So lässt sich auch die obligatorische Kritik von Gewerkschaftsführung, Arbeitgeberverbänden, Feuilleton und Politikern erklären, nachdem der Streik zu Realität wurde. Plötzlich war wieder der "Standort in Gefahr". Trotzdem muss festgehalten werden das die Kritik eine "verständnisvolle" war, nicht für den Streik aber für dessen mutmaßliche Motivation.
(24) Thomas Hauke, Deutsche Ideologie. Zur Rekonstruktion einer Lieblingsfloskel der antideutschen Linken, in: Phase 2.16.
(25) "Die Verfassung des Publikums, die vorgeblich und tatsächlich das System der Kulturindustrie begünstigt, ist ein Teil des Systems, nicht dessen Entschuldigung." Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 5, 146.
== ANTIFA AG - BAD WEATHER - [antifaschistische gruppe hamburg] ==Juni/Juli 2005