Redebeitrag [ bad-weather antifaschistische gruppe] anlässlich einer
Demonstration in Dortmund-Brechten 12.07. 2003
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Genosssinnen & Genossen, Antifaschistinnen und
Antifaschisten!
[ Intro ]
Dies ist nicht die erste Demo, die sich gegen einen rassistischen deutschen
Mob richtet. Die Demonstration in Dortmund-Brechten steht in einer Linie mit den
Demonstrationen in Gollwitz, Babenhausen, Wurzen oder der versuchten Demo in
Sebnitz. An den Verhältnissen geändert, die diese Expeditionen nötig machen und
machten, hat sich freilich nichts. Als sich nach 1989 viele Linke in
hauptberufliche Deutsche zurückverwandelten, war es eine junge,
antifaschistische Bewegung, welche die deutschen Verhältnisse vehement
theoretisch und praktisch angriff. Die Skepsis vieler „alteingesessener“ Linker
gegenüber einer Bewegung, die nicht zusammen mit dem Mob Politik für ein
besseres Deutschland macht, sondern die stattdessen Antifaschismus zwangsläufig
als gegen Deutschland und völkische Mobilisierungen gerichtet betrachtet, mag
sich im nachhinein als gut für eben jene antifaschistische Bewegung erweisen.
Schließlich dürften auch die Diskussionen um den sog. „Antifasommer“ 2000 dem
& der Letzten klargemacht haben, dass Antifaschismus, will er nicht zur
„zivilgesellschaftlichen“ Phrase verkommen, sich unnachgiebig gegen Deutschland
und seine Ideologie zu richten hat. Der radikalen antifaschistischen Bewegung
ist in Teilen gelungen, woran weite Teile der Bewegungslinken gescheitert sind -
sich nicht von der eigenen Ohnmacht und der Allmacht der Verhältnisse vollkommen
verrückt machen zu lassen.
In der Gesellschaft, die das notwendig falsche Bewusstsein erzeugt, hat alles
seinen Preis. In Deutschland hat die Antifa den Bruch mit der Volksgemeinschaft
mit gesellschaftlicher Marginalität bezahlt. Kein zu hoher Preis für den eigenen
Kopf und die Fähigkeit, in ihm überhaupt noch einen Gedanken zu
entwickeln.
[Vom Opfermythos ]
In Hamburg werden am 19. und 28. Juli Nazis marschieren. Nichts Neues also im
Norden, könnte man meinen. Glaubt man den in Hamburg kursierenden Aufrufen zu
Gegenaktivitäten, sind die Aufmärsche von NPD & Freien Kameradschaften
jedoch eine „neuerliche Provokation“ militanter Nazis. Nun, die Thematik der
Naziaufmärsche ist weder neu noch provokativ. Dies wäre auch schwerlich möglich
beschäftigen sich doch die Faschisten diesmal mit etwas, das seit Jahren
Staatsräson ist und daher gesellschaftlicher Konsens. Es geht um die
Bombardierung deutscher Städte im zweiten Weltkrieg. Die Nazis haben einen
„Trauermarsch“ für die zivilen Opfer alliierter Luftangriffe im zweiten
Weltkrieg angemeldet. In ihrem Wahn meinen die Faschisten, sie könnten mit
diesen Demonstrationen in ihrem ureigensten Revier punkten und vergessen dabei,
dass dieser Job von anderen schon besser und professioneller erledigt wird. Die
Nazis scheitern, woran auch die linke deutsche Friedensbewegung im letzten
Golfkrieg scheitern musste, die eigenen „Inhalte“ gegen die Regierungspolitik,
die in Deutschland immer auch Volkspolitik ist, abzugrenzen. Wenn die
Neo-Nationalsozialisten an die vertriebenen, verdampften, verbrannten und also
vernichteten Deutschen erinnern wollen, so machen sie nichts anderes als
nachzubeten, was ihnen sowieso aus allen Gazetten, Bestsellern, aus allen Radios
und Fernsehstationen entgegenschreit: Die Deutschen waren die ersten und letzten
Opfer Hitlers. Noch schlimmer als Hitler und die Seinen waren jedoch die
britischen und amerikanischen Bomberverbände, die den Deutschen Einhalt geboten.
Die Wahnprojektion der Subjekte erreicht in der „Trauer“ um die „unschuldigen
Opfer“ des alliierten Bombardements immer wieder neue Höhepunkte. Immer wieder,
weil die Mär von den deutschen Bombenopfern als eigentlichem Verbrechen des
zweiten Weltkriegs nahezu ungebrochen in das Geschichtsverständnis, sowohl der
DDR als auch der BRD, und schlussendlich auch in das der Berliner Republik
überging. Nahezu, weil die Genossen und Genossinnen in der DDR wenigstens noch
versuchten, wenngleich vergeblich, den Deutschen Ursache und Wirkung der
Bombardierungen zu vermitteln. Dass Coventry, Rotterdam und Guernica lange vor
Dresden und Hamburg geschahen, wussten zumindest die DDR Bürger. Ihre
westdeutschen „Brüder & Schwestern“ wurden mit solch historischen Tatsachen
erst gar nicht belästigt. Der Historiker Götz Aly, schreibt:
„Ich habe, lange bevor ich überhaupt den Namen Auschwitz kannte, gelernt,
dass in Dresden 200.000 tausend Menschen unter allliierten Bomben umgekommen
seien und die ganze Stadt zerstört wurde. Ich habe bestimmt bis zu meinem
zwölften Lebensjahr nie etwas anderes gehört über den zweiten Weltkrieg als
das.“[1]
Er ist Jahrgang 1947. Und so wurde die Legende von den Deutschen als den
größten Opfern des Nationalsozialismus von Generation zu Generation
weitergetragen. Die Wirkmächtigkeit dieses Konstrukts im deutschen
Massenbewusstsein beweisen nicht zuletzt die Interviews mit ganz normalen
deutschen Friedensbewegten anlässlich des letzten Golfkriegs. Man sei gegen den
Krieg, weil man als Deutsche die „Vernichtungsmaschine“ der britischen und
amerikanischen „Luftwaffe“ aus „eigener Erfahrung“ kenne. Neu ist freilich auch
diese Offenbarung nicht, und es wäre sicherlich interessant zu erfahren, wie
viel an deutscher Sympathie, aus ähnlichen Gründen, der radikalen Linken zu
Zeiten des Vietnamkriegprotest oder in den Friedensbewegten 80-zigern
entgegenbracht wurde.
[ Deutsche Normalität ]
Es ist die Sehnsucht nach Normalität, welche die Deutschen umtreibt. Sei es
bei der „Trauer um Bombenopfer“ oder bei der Diskussion um
„Vertreibungsunrecht“. Sie, die den historisch einmaligen Zivilisationschwund[2]
zu verantworten haben, wollen endlich wieder als „normal“ gelten und verdrängen
dabei, dass es gerade die ungebrochene Kontinuität des Schreckens der Normalität
war und ist, die den Einsatz alliierter Bomber nötig machte. „Gegenseitiges
Unrecht“ jedoch, so tönt es allerorten, solle man nicht aufrechnen. Warum
eigentlich nicht? Vielleicht weil die Rechnung zu eindeutig ausfiele. 55
Millionen Tote als Ergebnis deutscher Weltherrschaftsgelüste, grob geschätzte
400.000 bis 500.000 Tote als Folge alliierter Luftangriffe. Tote sind Tote. Und
doch ist jeder tote, jeder zu allem entschlossene, toter volljähriger,
„Volksgenosse“ einer der an der Rampe in Auschwitz oder im Polizeibataillon 101
fehlte.[3] So bleibt als einzig beklagbarer Verlust alliierter Bomben der Tod
all jener, die unter Zwang als Sklavenarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftling
in die Hände der Herrenmenschen geraten waren. Beklagenswert ist der Tod weniger
mutiger AntifaschistInnen, für die Widerstand mehr war als der Weg in die
„Innere Immigration“ und jener die zu jung waren, um das Wesen der
Volksgemeinschaft zu begreifen. Beklagenswert schließlich, auch der Tod derer
die als „Asoziale Volksschädlinge“, Behinderte und „sexuell Abartige“ dem
deutschen Nationalsozialismus in Gefängnissen, Lagern und Heimen ausgeliefert
waren. Diese Menschen und also die Menschheit zu retten - den nicht geringeres
hatten die Deutschen im Visier - dafür starten die Flugzeuge der alliierten
Armeen. [4]
„Gegenüber anderen Nationen“, stellte Horkheimer 1943 fest, „verhält sich
Deutschland als Ganzes wie ein gefährlicher Paranoiker zu seinen Opfern.“[5] So
ist es nicht weiter verwunderlich das mit dem Buch Der Brand von Jörg
Friedrich Deutschland einem neuen Höhepunkt volksgemeinschaftlichen Wahnsinns
entgegensteuert. Genügte es früher, Opfer und Täter des Nationalsozialismus zu
einem ekelhaften Brei mit der Formel: „alle waren Opfer des Krieges“ zu
verrühren, so wird heute das alliierte Bombardement zur
„Millenniumhandlung“ und zur „Jahrtausendliquidierung“. Und so
tritt die Auslöschung der europäischer Juden hinter die „Auslöschung“
deutscher „Kulturstädte“ wie Dresden zurück.
[Hamburg ]
In Hamburg werden am 19.07. und 28.07. die deutschesten der Deutschen
marschieren - dass sie es tun, ist weder Skandal noch Provokation. Die
Friedrichs und Noltes, die Walsers und Möllemänner marschieren seit Jahren auf
derselben Straße in die Vergangenheit, die manchmal auch ein Weg in die Zukunft
ist. Die Nazis wollen ihre Abschlusskundgebung am 19.07. diesmal auf der
Hamburger Moorweide, also in unmittelbarer räumlicher Nähe zum „Platz der
jüdischen Deportierten“ auf der Moorweide, abhalten. Jenem Platz, an dem sich
die Hamburger Juden sammeln mussten oder zusammengetrieben wurden, um in die
deutschen Vernichtungslager transportiert zu werden. Das bisher die Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und Auschwitzkomitee die einzigen
politischen Gruppen sind, die diesen besonders üblen Umstand bemerkten, ist
naheliegend. Die Gruppe BAD-WEATHER wird das ihr Mögliche unternehmen, um den
Nazi-Aufzug nicht bis zu diesem Platz kommen zu lassen, wenngleich uns die
Mittel fehlen, die in den Vierzigern die Royal Air Force zur Verfügung hatte, um
den organisierten Deutschen in angemessener Weise zu begegnen.
Bis dann vielleicht in Hamburg,. Aktuelle Informationen demnächst
auf:
Für einen radikalen Antifaschismus!
Für den Kommunismus!
bad weather antifaschistische gruppe
hamburg, juli 2003
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Fußnoten:
1. Aly, in: Neue Züricher Zeitung (NZZ) 7.12.
2002
2. Uli Krug, in: Ewiges Rätsel Auschwitz oder
die Unfähigkeit
den säkulären Zivilisationsschwund auf den Begriff zu bringen (in Bahamas,
25/1998)
3. Goldhagen, "Polizeibataillone: Deutsche Normalbürger als
willige Mörder" (S. 219 ff. in: Hitlers willige Vollstrecker,
1996)
4. zur militärischen Notwendigkeit der Bombardierungen deutscher
Städte siehe auch: Richard Overy,
"Die Wurzeln des
Sieges", S. 136 ff.
5. Horkheimer, in "Die Psychologie des Nazitums" (S. 355,
Gesammelte Schriften V, 1997)