Wie die toten KZ-Häftlinge noch einmal antreten mussten
oder
Warum die Verbrechen der Wehrmacht Sinn machen
Mal 'ran ins Feld!
Noch einer mehr!
Und wenn die Welt -
[STIMME VON UNTEN in "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus]
Im KZ Neuengamme wurden 55.000 Menschen zu Tode gemartert. Die Wehrmacht, die den reibungslosen Ablauf in dieser und anderen Todesfabriken garantierte, gab es nach 1945 nicht mehr - dem Namen nach jedenfalls. In der Bundesrepublik konnte und wollte niemand auf die Erfahrung der Landser, die sie sich bei der "Endlösungder Judenfrage" und der "Abwehr der bolschewistischen Bedrohung" im deutschenVernichtungskrieg erworben hatten, verzichten. Und so, wie aus überzeugten NSDAP Mitgliedern nach 1945 sofort überzeugte Demokraten wurden, so wurden aus den kampferprobten Rassekriegern Staatsbürger in Uniform.
Es sollte knapp 60 Jahre und zwei Wehrmachtsausstellungen dauern, bis die 55.000 ermordeten KZ-Häftlinge von Neuengamme als Material für psychotherapeutische Zwecke der Nachfolgeorganisation der Wehrmacht eingesetzt werden konnten. Am heutigen Abend soll in Hamburg, unter dem Titel: "Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei Auslandseinsätzen vorbereitet? -'Leben mit dem Massengrab'" darüber diskutiert werden, inwieweit Bundeswehrsoldaten auf die "zunehmenden Auslandseinsätze" vorbereitet werden (Dokumentation am Ende dieses Fugblatts). Als Veranstalter tritt die KZ Gedenkstätte Neuengamme auf. Zur Untermalung zeigt das Metropolis Kino den Film "Leben mit dem Massengrab". In der Programmankündigung ist zu lesen, dass der Film zeigen will, wie Bundeswehrsoldaten, nach ihrer Heimkehr vom "Kosovo-Einsatz", das Erlebte verarbeiten. Für diese Veranstaltung, aus dem Begleitprogramm der Wehrmachtsausstellung, wurde ein bemerkenswertes Podium zusammengestellt. Zunächst die Macherin des heute gezeigten Films: Heike Mundzeck. Mundzeck setzt sich in ihren Filmen u.a. für "aktive Sterbehilfe" ein ("In Würde sterben", 2002) und hat mit ihrem Film "Hitler's Jewish Soldiers" (deutscher Titel: "Die Soldaten mit dem halben Stern") nachgewiesen, dass ja auch Juden Täter waren. Eine Frau, die hervorragend in eine Ausstellung passt, in der neurechte Historiker, wie Bogdan Musial, über "Opfer des Terrors" referieren können. Von Musial stammt u.a. die Erklärung, dass: "die antijüdischen Emotionen" aus einem Verhalten resultierten, "das nicht wenige Juden an den Tag legten." Vergleichsweise harmlos wäre eine solche Veranstaltung, wenn nicht auch noch ein Mann vom Fach und daher gewerblicher Experte in Punkto Massengräber reden könnte. Bundeswehr Oberst Hans-Jürgen Folkerts führte u.a. die "Basiseinweisung für Journalisten" des deutschen Verteidigungsministeriums durch ( Jungle World, Nr. 08/ 2001). Neben dieser, für den deutschen Journalisten immer wichtiger werdenden, Aufgabe fand er aber auch Zeit der rechtsradikalen Wochenzeitung Junge Freiheit ein Interview zu geben (JF 36/01). Auf die Frage, ob der Balkan auch nur "die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert" sei, antwortete Folkerts: "Das ist natürlich eine schwerwiegende Frage." Wahrlich eine schwerwiegende Frage, zumal nicht einmal klar ist, welches Pommern gemeint ist - das in den Grenzen von 1870 oder von 1939? Als die Rechtsradikalen ihn fragten, wie denn zu erklären sei, "dass die deutschen Soldaten Anfangs sogar Hemmungen beim Einsatz ihrer Waffen hatten", wusste Folkerts hingegen eine Antwort, denn nach diesen Erfahrungen sei nun in "jedem Übungs-Parcour" ein "worst-case-Szenario(...) enthalten, damit die Männer in der Frage des Waffeneinsatzes auch Sicherheit erlangen." Die Moderation an diesem Abend wird ein Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme übernehmen. Jens Michelsen publizierte bereits 1992 zusammen mit Ulrike Jureit, der jetzigen Ausstellungsleiterin der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Wir wissen nicht, ob Ulrike Jureit schon damals den "differenzierten" Blick auf die Verbrechen der Wehrmacht hatte, der sie in diesem Zusammenhang heute sagen lässt: "Wir können bei vielen Fotos nicht nachvollziehen ob das, was man dort sieht, eine völkerrechtskonforme oder eine völkerrechtswidrige Erhängung ist" (FAZ, 27.11. 2001).
Wir wissen auch nicht, wie sich die MitarbeiterInnen der KZ-Gedenkstätte Neuengammeim Streit um die bundesweite Neuausrichtung der Gedenkstätten zu positionieren gedenken. Dass sich einer von ihnen für eine Bundeswehrtherapie-Veranstaltung hergibt, lässt Arges befürchten. Jens Michelsen bot jedenfalls für 70 Euro ("Verdienende") Ende 2002 schon mal einen "Workshop" mit dem Titel "Healing Memories" an und um nichts anderes geht es in der Wehrmachtsausstellung. Einer Ausstellung, die, obwohl sie vorgibt sich mit den Verbrechen der Wehrmacht zu beschäftigen, in ihrem Begleitprogramm die erste Veranstaltung mit der Frage einleitet: "Deutsche Opfer? - Deutsche Täter?". Und wer hat sich diese Frage nicht schon immer gestellt, in diesem Land?
Krieg ist Frieden,
Freiheit ist Sklaverei,
Unwissenheit ist Stärke
[ „1984“ von George Orwell ]
bad weather [antifaschistische gruppe hamburg] - januar 2004
mehr Infos zur Wehrmachtsausstellung und ihrem Begleitprogramm:
www.antifa-hamburg.com/buendnis.html
die Presserklärung gibt es hier:
www.antifa-hamburg.com/text//8.html
V.i.S.d.P.: Fiete Schulze, Max Brauer Allee 36, Hamburg Altona
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Dokumentation aus dem Begleitprogramm der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 -1944“, Seite 36, Hamburg 2004
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19.00 Uhr
Ort: Kommunales Kino "Metropolis", Eintritt: 4 €
Dienstag, 3. Februar 2004
"Leben mit dem Massengrab" - Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei Auslandseinsätzen vorbereitet?
Teilnehmer: Heike Mundzeck; Oberst Hans-Jürgen Folkerts
Moderation: Jens Michelsen
Filmveranstaltung mit Diskussion
Die Filmemacherin Heike Mundzeck hat 1997 Bundeswehrsoldaten bei ihrer Heimkehr vom Kosovo-Einsatz und in den ersten Wochen danach begleitet. Ihr daraus entstandener Film zeigt: Posttraumatische Syndrome nach Kriegseinsätzen sind ein ernstes Problem auch für die Bundeswehr, die seitdem an weiteren Auslandeinsätzen teilnimmt. Nach der Filmvorführung wird in einem Expertengespräch diskutiert, inwieweit Soldaten auf die aktuellen Herausforderungen ihrer Einsätze vorbereitet werden.