Presseerklärung/ Hamburg den 4.2. 2004


BAD WEATHER

Hein-Hoyer-Str. 41

20359 Hamburg


Verhinderung einer Veranstaltung aus dem Begleitprogramm der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht –Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944“ am 3.2. 2004


AntifaschistInnen der BAD WEATHER Gruppe und FreundInnen verhinderten am Abend des 3.2. 2004 eine Veranstaltung aus dem Begleitprogramm der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht -Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944“. Die Veranstaltung wurde von der KZ Gedenkstätte Neuengamme organisiert und trug den Titel „’Leben mit dem Massengrab’- werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei Auslandseinsätzen vorbereitet.“ An dieser Veranstaltung nahmen auch eine ganze Reihe von hochrangigen Bundeswehroffizieren teil.

Wir sahen und sehen die Veranstaltung als Veranstaltung zur Effektivierung deutscher Auslandseinsätze und haben sie deshalb verhindert.

Am Dienstag, den 3. Februar 2004 sollte im Rahmen der Wehrmachtsausstellung im Hamburger Metropoliskino eine Veranstaltung zum Thema „Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei Auslandseinsätzen vorbereitet?“ stattfinden.

Veranstalter war die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Leiter der Veranstaltung war der Gedenkstättenmitarbeiter Jens Michelsen.

Die Mehrheit der Besucher bestand aus Bundeswehrsoldaten in Uniform und Zivil. Hauptreferent sollte Oberst Hans-Jürgen Folkerts sein, Chef-Ausbilder der Bundeswehr für Auslandseinsätze und Interview-Partner der Nazi-Zeitung „Junge Freiheit“.

Vor seinem Beitrag sollte der Film "Leben mit dem Massengrab" der „Dokumentarfilmerin“ Heike Mundzeck gezeigt werden. Heike Mundzeck wurde vor zwei Jahren von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) für ihre NDR- Dokumentation "In Würde sterben“ mit der "Lebensuhr 2002" ausgezeichnet.

Über ihren Film "Leben mit dem Massengrab" schrieb die rechtsradikale Zeitung „Das Ostpreußenblatt“ am 19. August 2000:

„Wenn junge Männer aus einem Wohlfahrtsstaat wie Deutschland ... in ein Gebiet entsandt werden, in dem zwei Völker mit dem Ziel der Selbstbehauptung und Selbstbestimmung miteinander kämpfen, dann erleben sie in der Regel einen Schock. ... In einem einfühlsamen und fairen Film schilderte die ARD unter dem Titel "Leben mit dem Massengrab - Deutsche Soldaten im Kosovo", was die jungen Soldaten erlebten und wie sie es verarbeiten.... Nach Rückkehr in ihre Heimat können die Soldaten im Rahmen der inneren Führung an Seminaren teilnehmen, in denen "Psychos", um im Jargon der Soldaten zu sprechen, sich bemühen, ihre posttraumatischen Eindrücke zu verarbeiten. Ein junger Soldat berichtete, daß er mehrmals aus dem Kosovo seinen Großvater angerufen habe, um ihm zu erzählen, was ihm auf der Seele lag. Dazu der Soldat: "Mein Großvater war nämlich auch Soldat, und zwar im Zweiten Weltkrieg." Und nach der Rückkehr nach Deutschland führte sein erster Weg zum Großvater.“

Jens Michelsen von der KZ-Gedenkstätte, der alle Einwände abwies, musste nach etwa einer Stunde seine Versuche abbrechen, die Veranstaltung trotz der Proteste durchzuführen.

Bundeswehr und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme wollten während dieser Begleitveranstaltung zur Wehrmachtsausstellung gemeinsam erörtern, „inwieweit Soldaten auf die zunehmenden Auslandseinsätze vorbereitet werden“ - unter besonderer Berücksichtig des Umgangs mit „posttraumatischen Syndromen nach Kriegeinsätzen.“ (Ankündigung) .

Die Gedenkstätte Neuengamme bietet sich hierbei der Bundeswehr mit dem Argument an, als KZ-Gedenkstätte verfüge man schließlich über Expertenwissen auf dem Gebiet posttraumatischer Belastungsstörungen und sei daher idealer Partner der Bundeswehr .

Mit diesem Angebot übertrifft die Gedenkstätte Neuengamme noch die geschichtsrevisionistischen Praktiken der Gedenkstätten in Sachsen, aus deren Stiftung jüngst die Opferverbände ausgetreten sind.

Noch nie zuvor ging eine Gedenkstättenleitung soweit, das Trauma der Opfer des Nationalsozialismus mit dem „Schock“ (Ostpreußenblatt) von freiwillig angetretenen Bundeswehrsoldaten zu vergleichen, den diese bei einem Angriffskrieg gegen Jugoslawien oder beim Auslandseinsatz im Kosovo oder in Afghanistan erleben können.

Dieser politisch gewollte Vergleich besagt, daß die schmerzliche Vergangenheit der Überlebenden des Holocaust und des Vernichtungskrieges für Mitarbeiter einer KZ-Gedenkstätte nicht (mehr) das zentrale Trauma ist. Dieser Umgang mit der Vergangenheit läßt sich als Ausdruck der Leugnung von Traumatisierungen verstehen, die anderen während des Holocaust und des deutschen Vernichtungskrieges in Serbien und im „Osten“ angetan worden sind. Indem dieser Unterschied eingeebnet wird, wird der Raum des Traumas von der dominanten deutschen Bevölkerungsmehrheit selbst begehrt: Von den psychischen Traumatisierungen der Überlebenden des Holocaust gelangt man dann über rhetorische Zwischenschritte schnell zu den „Vertreibungen der Deutschen“ und von dort zu den angeblichen posttraumatischen Belastungsstörungen deutscher Soldaten im freiwilligen Auslandseinsatz.

Solche skandalösen Vergleiche übergehen willkürlich die konkreten leiblichen Aspekte einer Traumatisierung, indem sie psychische Belastungsstörungen von der besonderen Tortur trennen. Gezeichnet von Hunger, Sklavenarbeit und Folter zu sein und dabei (über Monate und Jahre) das Bewußtsein vom nahen Ende in Gestalt der bereits Ermordeten und der allmächtigen Peiniger vor Augen zu haben, das ist etwas anderes als die Erinnerungen, die den einen oder anderen Täter heimsuchen mögen, der seine „Aufgabe“ erledigte und es ist etwas anderes als der „Schock“, den ein Bundeswehrsoldat erlebt, wenn ihn die Realität eines Krieges einholt, an dem er sich beteiligen will.

Schon die deutschen Landser waren in ihrem Reizschutz kaum verletzbar, weil sie sich bei den Gewalttaten, in denen sie sich verwirklichten, als pflichttreue Staatsbürger sehen konnten. Sie standen unter Schock, wenn neben ihnen „Kameraden“ zerfetzt wurden, während sie von den „Partisanenerschießungen“ unberührt blieben.

Die NS-Opfer hingegen hatten meistens nur einen minimalen „Handlungsspielraum“, zunächst, weil sich nur wenige auf ihre Seite stellten und später wegen des mitleidslosen Vernichtungswillens ihrer Mörder. Für sie gab es, besonders in den Lagern, keine Verknüpfung von Ursache und Wirkung, auf die sie ihr Handeln hätten einstellen können. Die deutsche Volksgemeinschaft aber war bis zur Kapitulation handlungsfähig und bildete danach ein heimeliges Schweige – und Therapiekollektiv.

Und so funktioniert es auch heute: „Die wirksamste Hilfe sind verständlicherweise die Kameraden. Mit ihnen spricht man sich aus, tauscht Erfahrungen, sucht Trost. Verständnisvolle Vorgesetzte schilderten, wie sie sich besonders verstörter junger Soldaten annehmen.“ (Das Ostpreußenblatt über den Film von Heike Mundzeck). Oder man findet Hilfe bei der „Erlebnisgeneration“, beim Großvater, der von der Wehrmacht erzählt.


Nun ist es keineswegs so, dass der Gedenkstätte Neuengamme – etwa aus politischer Naivität – mit dieser Veranstaltung ein dummer Fehler unterlaufen ist. Die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr bei der Aufarbeitung der psychischen Folgen vergangener Auslandeinsätze ist Teil des allgemeinen „Wandels der Gedenkstätten“ und der „Erinnerungskultur im Umbruch“.

In Neuengamme wurde schon vor einigen Jahren eine Trennung in einen "Gedenkbereich" und einen "Dokumentationsbereich" eingeführt. In einer von Jens Michelsen verfassten „Machbarkeitsstudie zur Umgestaltung“ geht es nun um „die Vermittlung der Geschichte in Bezug zu aktuelle Fragestellungen“, um „Menschenrechtsverletzungen in Vergangenheit und Zukunft“. Ziel der Gedenkstätte sei „die Entwicklung demokratischen Denkens und Handelns“ und die „Herausbildung einer gemeinsamen europäischen Identität“.

Diese Instrumentalisierung der Opfer des Nationalsozialismus für die neue deutsche Großmachtpolitik im Namen der Menschenrechte (in deren Namen man immer offener auch Mitsprache beim Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern fordert) stellt eine neue Stufe deutscher Schamlosigkeit dar.

Ein neuer Typus ambitionierter Gedenkstättenmitarbeiter, denen die Opferverbände nur noch im Weg stehen (weshalb man schon seit 10 Jahren davon redet, die Überlebenden Opfer seine doch bald alle tot) und die ihren Job aufwerten indem sie sich ganz neue Zielgruppen erschließen, sieht die Gedenkstätten längst als Serviceunternehmen des deutschen Gedächtnisses und der deutschen Außenpolitik.

Wir werden uns auch weiterhin das Recht herausnehmen gegen Geschichtsrevisionismus zu protestieren und zu agieren.

BAD WEATHER [ANTIFASCHISTISCHE GRUPPE HAMBURG] & Einzelpersonen – Februar 2004


Für die Richtigkeit, die Sprecherin der BAD WEATHER GRUPPE, Carla McMannoman


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